Factor Board
"Der Begriff des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu
fundieren. Daß es “so weiter” geht, ist die Katastrophe. Sie ist nicht
das jeweils Bevorstehende, sondern das jeweils Gegebene. […] Die
Rettung hält sich an den kleinen Sprung in der kontinuierlichen
Katastrophe."
[ Walter Benjamin, Gesammelte Schriften. Bd. I, 2, S. 683 ]
Im Endergebnis stellt sich die Natur als ein dynamisches, evolvierendes System dar, dessen Horizont weder im Hinblick auf Zeit noch Entwicklungspotential begrenzt ist. Hieraus ergibt sich, dass menschliche Gesellschaften, selbst als dynamisches, evolvierendes System angelegt sein müssen um den Grundkonflikt von Kultur und Natur, die Kluft letztlich, die sich zwischen Zivilisation und Wildnis auftut, überwinden zu können.
Die Factor Board Performance fand auf dem Gelände des ehemaligen 4711 Gebäudes an der Venloer Straße in Köln Ehrenfeld statt. [-> Napoleon soll 60 Flaschen pro Tag verbraucht haben. Auch Johann Wolfgang von Goethe hat stets den "Duft der feinen Gesellschaft" bestellt und sich einmal handschriftlich für eine Lieferung bedankt, "welche den Frauenzimmern sehr gefallen" habe."]
Heute ist aus der ehemaligen Parfumfabrik ein Einkaufs- Gewerbe- Wohnkomplex geworden. An relativ wenigen Orten Kölns trifft man so offensichtlich auf Entwicklungen, auf Zeit, auf Veränderungen wie hier. Dieser Wandel von einer Produktionsstätte in einen Wohn- Kleingewerbe- und Konsumraum ist interessant. 4711 hat in den vergangenen Jahren mehrmals den Besitzer gewechselt. 1994 kaufte der Darmstädter Haarkosmetik-Konzern Wella zunächst 90 Prozent der Muehlens KG. Wella wiederum wurde 2003 von Procter & Gamble übernommen. Nun also Dalli Dalli: Mäurer + Wirtz unter dem Dach des Waschmittelherstellers Dalli übernehmen 2006 die Marke 4711 und ebenfalls das berühmte Kölner Haus in der Glockengasse.
Der Performanceablauf:
Ein Skateboard dient als Basis der Performance, außerdem verschiedene
auf Papier gedruckte historische Film- bzw. Videostills, die aus
Privataufnahmen von Leuten sowie aus Nachrichten- und
Dokumentarschnipseln bestehen.
Dieses Footage wird gesichtet, dann werden aus dem Bilderfluss Stills
exportiert und schließlich auf Papier gedruckt. So entsteht ein Fundus
aus gedruckten Sekundärmedien.
In einem nächsten Schritt werden die Stills, die weiter verwendet werden sollen, zurechtgerissen, diese Ausrisse werden in einem Behälter gesammelt.
Der Behälter mit den Ausrissen wird ausgeschüttet, nun findet der letzte Auswahlprozess statt: Vom Papierberg der Ausrisse werden einzelne ausgewählt um schließlich auf das Skateboard, das "Factor Board", geklebt zu werden. Dieser mehrfache Auswahlprozess ist nicht-öffentlicher Teil der Performance. Ein aggressiver, dabei doch kontemplativer Akt des abbremsenden Auswählens. Die Bewegung des Footage wird gestoppt, und in Einzelbilder übersetzt, dann schließlich werden die Bilder erneut in Bewegung gesetzt, aber nun gleichsam passiv, denn erst durch die Bewegung des "Factor Boards" werden sie erneut zu bewegten Bildern.
Im öffentlichen Teil findet die erneute Kontextuierung und Bewegung der Ausrisse statt. Das Board wird an verschiedenen Stellen des 4711 Gebäudekomplexes quasi ausgestellt, dabei abfotografiert.
Nach diesem ‘Austellungsprozess’ erfolgt das ‘Moven’ auf dem Factor Board, mit abschließendem Absprung, und hochreißen des Boards.
Ein weiteres Zitat von Walter Benjamin [Über den Begriff der Geschichte These IX]: “Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm. ”
Hinsichtlich des Bildes von Klee ist das Foto vom hochreißen des Boards entscheidend. denn im Gegensatz zu Klee bleibt zwar die engelsgleiche Position, nicht aber die Ohnmacht, das Delegieren an höhere Wesen. Damit einhergeht ein Wechsel der Blickrichtung, denn der Engel blickt hier in die Zukunft und stemmt die Vergangenheit, durch den artistisch kontollierten Moment. Im Theologischen Sinne, der angesichts Klees nicht außen vor bleiben kann, wäre die Performance eben auch eine Anti-These zum eschatologischen Vorbehalt. Eschatologischer Vorbehalt bedeutet, dass das Reich Gottes schon begonnen hat, allerdings sozusagen vorbehaltlich dessen letzter Erfüllung, die eben nicht von dieser Welt sei. Ähm ja. "Philosophie ist der Versuch eine Schwarze Katze in einem dunklen Raum zu fangen, Theologie ist der Versuch eine Schwarze Katze in einem dunklen Raum zu fangen, wobei die Katze garnicht da ist" oder so ähnlich, wer hat das noch gleich gesagt? So gesehen ist die Performance auch eine Performance der "letzten Dinge". Das Paradies kann sehr wohl hier und jetzt entstehen, nicht erst die.tage, Vorausetzung aber ist die Kontrolle über die [ eigene ] Geschichte, diese wiederum kann nur erlangt werden, durch einen gekonnten, gewagten und gestandenen Move, dessen vorübergehende Endposition die vorherige Position im Raum völlig wandelt.
Es wird nicht unterschieden, was "in der Nähe" und was "weit weg" geschieht, durch das massenhafte "mediale Rauschen" rückt alles "sehr eng zusammen", scheint jederzeit auch in der Nachbarschaft möglich. Das was dieses "Mediarauschen" so mächtig macht, sind die quasi im Strom integrierten kulturellen Symbole, letztlich Inhalte des kulturellen Gedächtnisses. Dies sind "Mediale Fragmente" die nur minimalste Begleitkommentierung brauchen um verstanden zu werden. Hierzu zählen z.B. die Aufnahmen der Videokameras, die in sog. intelligente Waffen eingebaut sind. Erstmals mit dem II. Golfkrieg, kamen diese Bilder in die Wohnzimmer, nun weiß gleich jeder der so ein Bild sieht wofür es steht.
Idee, Aktion:
Christine S. Thon
Idee,Text&Fotos:
Lars H. Beuse
Im August 2006
STREAM

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