Feldaufenthalt I "Methode Kunst"
1.
Es wurden mehrere Interviews mit EtnologInnen geführt. Hierbei ging es
vor allem um, die teileweise kontrovers, geführte Frage nach der
Feldforschung. Ein anderer wichtiger Aspekt ist der des Reisens, und
eben die Frage in wie weit nun ethnologische Forschung, die ja in der
Vorstellung immer noch mit "Reisen in die exotischen Länder" verknüpft
ist, vor ORT, eben in der "Wohnung um die Ecke" funktionieren kann. Aus
diesen Interviews wurde ein Videosampler geschnitten, der im Rahmen der
Installation in einem Loop läuft.
3. Sprachanalyseprogramme, die auch bei der Dokumentation und Analyse indigener Sprachen zum Einsatz kommen wurden benutzt um Alltagsgespräche in einer deutschen Wohnung aufzuzeichnen. Daraus wiederum wurde eine Präsentation erstellt die auf einem in der Installation befindlichen LapTop läuft, auch das "Sprachrauschen" ist über Lautsprecher im Raum zu hören.
4. Es wurde eine Plastik hergestellt die Köpfen nachempfunden ist, wie sie Anthropologen auf der Basis von Knochenfunden herstellen, diese Plastik erweckt den Eindruck sie sei in einem halbfertigen Zustande.
5. Es wurden 4 Leuchtkästen 100x75x20 auf der Basis von Mittelformatfotografien hergestellt, sie sind Anthropologischen Aufnahmen aus der Zeit um 1900 nachempfunden, und zeigen vermeintlich Indigene bei der Vermessung durch Anthropologen.
6. All diese Gegenstände und technischen Gerätschaften werden in zyklisch wechselnden Privatwohnungen aufgebaut. Die Wohnungen werden durch Zufall über Anzeigen gefunden. Bedingung ist nur, daß die Eigentümer den Künstlern zuvor nicht bekannt sind.
7. In dieser Wohnung wird ein Zelt aufgebaut mit "Campingmöbeln" dieses Zelt ist das Zentrum der Installation, darum herum sind die weiteren Bestandteile aufgebaut.
8. Eine Magisterin der Ethnologie bewohnt dieses Zelt für eine Woche und empfängt BesucherInnen, die sich über ihren vermeintlichen Feldaufenthalt im intimen Kosmos informieren wollen. Sie führt dann die BesucherInnen durch die Wohnung.
Kontext
Die multimediale Installation Methode_Kunst// Feldaufenthalt im intimen Kosmos zeigt eine Ethologin bei der angeblichen Erforschung eines intimen Feldes, der Privatwohnung eines Menschen.Bei den Wohnungen handelt es sich um zufällig gefundene Wohnungen von zuvor Fremden.
Der Rezipient ;) besucht die Ethnologin live bei der "Arbeit", und wird duch das Feld geführt und erhählt Inforrmationen zum Forschungsstand in der betreffenden Wohnung, und in den vorherigen Wohnungen.
Das gegenseitige Erforschen, Analysieren und Kontrollieren bildet die Basis der Überschneidungen zwischen Kunst- und Wissenskreisläufen und damit der dargebotenen Installation.
In dem zur Verfügung gestellten intimen Raum der Wohnung wird ein Zelt aufgestellt. In dem Zelt werden Forschungsinstrumente, Nachschlagewerke und die technische Ausrüstung (Laptop, Kameras, etc.) einer Ethnologen/einer Ethnologin aufgebaut. Zudem werden angebliche Ergebnisse der Feldforschung zu verschiedenen Wohnungen ausgestellt, wie auch verschiedene Exponate. Es werden feste Termine mit den Wohnungsinhabern vereinbart, an denen Führungen stattfinden können. Der Wohnungsinhaber bestimmt das Maß, in welchem er seine Wohnung zur Verfügung stellt. Die Installation soll nicht statisch sein, und Raum zum Testen bieten, d.h. das kulturelle Gedächtnis der Besucher und deren Befangenheit zum Thema Ethnologie, aber auch zum Dasein der Kunst, auch zur nervtötensten aller Fragen "Was ist Kunst?" soll in performativen Aktionen und Vorträgen erlebt werden.
Die Ethologin, die Feldforscherin empfängt die Besuchergruppen in einem Raum, der erkennbar nicht zu dem „Feld“ gehört. In diesem Raum beginnt eine Reise in das „Feld“. Die Ethnologin wird einen kurzen Vortrag halten, in dem sie die Besucher in die Verhaltensweisen im „Feld“ einführt. Die Besucher erhalten Überschuhe und werden in Kittel gewandet. Begleitet von den dauernden Erklärungen der Wissenschaftlerin macht sich die Besucherguppe nun auf ins „Feld“ (den Raum der Installation).
Das im Felde stattfindende Erleben ist ein permanentes Wechselspiel zwischen Realität und Fiktion. Der Besucher ist gezwungen, seinen Blick zu schärfen, um bei allen Informationen, die auf ihn einfluten, noch unterscheiden zu können: "Was ist hier Kunst? Was ist hier Wissenschaft?"
In diesem Kosmos der behaupteten Wissenschaft und der tatsächlichen Performance, entsteht ein unscharfes Rauschen.
Der Besucher ist allein auf seine Wahrnehmung angewiesen, sogar darauf, der "Führerin" in Gestalt einer Ethnologin zu misstrauen.
"Erschwerend" kommt darüber hinaus hinzu, dass der Besucher dem wahrhaftigen Wissenschaftler als Begleiter zunächst die Deutungshoheit überlässt, dh. der Besucher erwartet von der ihn begleitenden Ethnologin, den Erkenntnissen der Wissenschaft entsprechende Informationen. Die Ethnologin aber ist selbst Bestandteil der Installation und eingeweit in die Strategie der Verschleierung. Der so sicher geglaubte Raum wird zu einem kaum zu durchdringenden Dickicht aus Behauptung und Tatsache. Das Zelt, die Computer, die vermeintlichen Messgeräte, die die letzten Beweise der vermuteten Wirklichkeit sind, werde somit selbst in den Strudel der Fragwürdigkeit gezogen. Natürlich zeigt sich hier auch die ganze Ambivalenz technischer Gerätschaften, die eben keineswegs durch die ihnen eigentlich zugeschriebene Funktion bestimmt sind, vielmehr kann ein technisches Gerät beliebig eingesetzt werden um es mit neuen, "ungemeinten" Funktionen auszustatten.
Damit Medien einerseits als Träger, und andererseits als Gestalter einer kollektiven Erinnerung dienen können, bedarf es einer ganz bestimmten Erinnerungsstruktur, eines Erinnerungs- und Bedeutungsgewebes, welches als kulturelles Gedächtnis bezeichnet wird.
Es sind Bruchstücke eines kulturellen Gedächtnisses, die zunächst scheinbare Sicherheit im „Felde“ geben, um in Weiteren durch den Gesamtprozess der Performance aus einem Bedeutungsgewebe herausgelöst zu werden.
Es entsteht ein Raum in und an dem nichts mehr so ist, wie es augenblicklich scheint.
Methode//Kunst
von Christine S. Thon und Lars H. Beuse 2006
STREAM

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