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(Video "Automatisierung der Wahrnehmung", ca 6 min, mittelformat foto als leuchtfolie vor visualisierungsschirm mit textfragmenten aus "Das Fremde in der Rotation" und aus freien loops gesampelte audio loops teilweise thx to http://www.looperman.com/)
(text:sab, video:lhb)
Die Externalisierung bereits vorhandener neuronaler Inhalte durch die massenhafte Verschriftlichung im Zuge der Industrialisierung, führte zu einer Professionalisierung, die die Erzählweisen fundamental geändert hat. Es war die Zeit, in der sich die Medienlandschaft erst noch formierte. Dabei sind neue Rollen entstanden. Journalisten und Bildjournalisten haben eine Art Vermittlerrolle zwischen den Erzählungen und den Rezipienten eingenommen, die es in diesem Ausmaße vorher nicht gab. Es fand eine Industrialisierung des Erzählens statt. Der Aufbau der „Story“ war von der Frage nach möglichst hohen Auflagenzahlen der fertigen Produkte geprägt. Die Fotografie (später Film) hatte dabei eine entscheidende Rolle inne, die sich in der angesprochenen „visuellen Sucht“ der Zeit manifestierte. Bilder können wie kaum ein anderes Medium Emotionen freisetzen, da sie durch das, was nicht gezeigt wird, immer genug Spielraum für eigene Interpretation zulassen. Komplexe Wirklichkeiten wurden auf ihren Symbolgehalt reduziert. Widersprüchliche Aspekte der Wirklichkeit wurden in hohem Maße ausgeblendet, wodurch das Symbol zu einer Ikone werden konnte. Inhaltsverzeichnis 1. Einleitung
1.1 Terminologie
1.2 Forschungsstand
2. Imagination und Repräsentation des Fremden
2.1 „Barbaren“ und „edle Wilde“ – Die Repräsentation des kulturell Fremden bis zum 19. Jahrhundert
2.1.1 Weltbilder im Wandel
2.1.2 Die Darstellung des Fremden seit der Neuzeit
2.2 Kultur und Wahrnehmung
3. Das wilhelminische Deutschland
4. Der mediale Raum und die ihn bildenden Medien
4.1 Medien und Wahrnehmung
4.2 Medien und populäre Kultur
4.2.1 Medien in der industriellen Reproduktion
4.2.2 Populäre Kultur – Konsum, Rezeption und Wahrnehmung
4.3 Visuelles Erleben
4.3.1 Ein neues Medium im medialen Raum: die Fotograf
4.3.2 Das „echte Abbild“? – Die Fotografie im Dienste der Anthropologie
4.3.3 Ein Bild sagt mehr als tausend Worte – Bilder sind Zeichen
5. Die Quellen
5.1 Bildzeitschriften
5.1.1 Die Gartenlaube
5.1.2 Leipziger Illustrirte Zeitung
5.1.3 Kolonie und Heimat
5.2 Sammelbilder
6. Die Inszenierung des „Anderen“ im medialen Raum des wilhelminischen Deutschlands 48
6.1 Die Bühne ist bereitet
6.1.1 Wildnis versus Zivilisation
6.1.2 Reise
6.2 Die Requisite
6.2.1 Materielle Kultur
6.2.2 Fetisch
6.3 Die Darsteller
6.3.1 „Primitive“ und „Naturmenschen“
6.3.2 „Exoten“, das „gottgeliebte Südvolk“
6.3.3 Die „Zivilisierbaren“
6.3.4 Die „Kannibalen“
6.3.5 Die „Teuflischen“
6.3.6 Die „Orientalen“
6.4 Die Geschichte
7. Fazit
8. Literaturverzeichnis
8.1 Primär Quellen
8.2 Sekundär Quellen
9. Abbildungsverzeichnis
1. Einleitung
Das 19. Jahrhundert war die Zeit der endgültigen Entdeckung und Eroberung der letzten „weißen Flecken“ auf der Weltkarte. Im späten 19. Jahrhundert wurde Deutschland eine Kolonialmacht. Diese Tatsache hat viel dazu beigetragen, dass die Auseinandersetzung mit den Fremden gerade in dieser Zeit im deutschsprachigen Raum eine Hochkonjunktur erlebte. Die Medien stürzten sich mit großem Interesse auf die außereuropäischen Gebiete, mit denen sich ein nationales Interesse verband. Das 19. Jahrhundert war auch die Zeit, in der sich Ethnologie und Anthropologie als „Wissenschaft vom Fremden“ (Kohl 2000) als eigenständige Disziplin etablierten. Der mediale Raum dieser Zeit wurde maßgeblich von den ethnologischen Repräsentationen der außereuropäischen Welt geprägt. Die Menschen verlangten nach einem „echten Abbild“ des Fremden. Der mediale Raum kam diesem Bedürfnis durch neue Fertigungstechniken nach. Es entstand eine Massenkultur. Industrialisierung und Urbanisierung waren die entscheidenden Voraussetzungen dafür.
Damit sind die Rahmenbedingungen für die Fragestellung diese Arbeit grob skizziert. Es ist die Frage nach der Wahrnehmung und Repräsentation des kulturell Fremden in der sich formierenden populären Medienkultur des wilhelminischen Deutschlands. Schon im Zuge der Entdeckung des amerikanischen Kontinents bewegten sich Wahrnehmung und Repräsentation des Fremden zwischen den Polen von Faszination und Abscheu oder Schrecken. Auch der mediale Raum des 19. Jahrhunderts war von dieser Dichotomie beherrscht. Zu keiner Zeit war die Fremde in den Vorstellungen der eigenen Welt ein realer Ort und die Bewohner waren keine realen Menschen. Vielmehr wurden sie aus dem Bedürfnissen der eigenen Kultur heraus erschaffen. Die massenhafte Reproduktion von Fremdenbildern führte zu einer Reduzierung des Fremden auf wenige prägnante Merkmale und Kennzeichnungen. Diese wiederkehrenden Zeichen und Symbole sollen dargestellt und ihrer Funktion für die eigene Gesellschaft aufgezeigt werden.
In dieser Arbeit wird einmal mehr der Blick des „Westens“ auf das Fremde gerichtet und damit eine eurozentristische Perspektive eingenommen.1 Angesichts der Fragestellung scheint dieses Vorgehen berechtigt, da an keiner Stelle die reale Fremde Gegenstand der Arbeit ist, sondern immer eine imaginierte Fremde. Andererseits besteht die Gefahr eine erneute Konstruktion und Projektion zu betreiben, da auch der Repräsentation des Fremden ausschließlich durch die eigene Beziehung zum Fremden begegnet werden kann (Fuchs/ Berg 1995: 12). Die Repräsentation des Fremden soll dementsprechend nicht nach den Kategorien wie „negativ“ oder „positiv“, „gut“ oder „böse“ eingeordnet werden. Die europäische Auseinandersetzung mit den Fremden war geprägt von Kolonialismus und im späten 19. Jahrhundert von Imperialismus und den damit verbundenen Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen, daran besteht kein Zweifel. Das europäische Bild vom Fremden war allerdings immer mehr als nur die reine Wiedergabe von Unterdrückung und Ausbeutung. Zudem sind es nicht einzelnen, voneinander zu isolierende Bilder und Vorstellungen, die zu einer Imagination des Fremden wurden und heute noch werden. Erst die Komposition der verschiedenen Einzelmotive lassen das Fremde als eine komplexe „Gegenwelt“ zur eigenen Welt entstehen.
Die Repräsentation des Fremden im medialen Raum des wilhelminischen Deutschlands soll in erster Linie anhand von Printmedien beleuchtet werden. Die Zeitschrift wurde ab den 1850er Jahren immer bedeutender und löste die Zeitung als „Schlüsselmedium“ der bürgerlichen Gesellschaft ab (Faulstich 2004: 60). Die ethnologische Fotografie war maßgeblich an der visuellen Umsetzung der Bilder vom Fremden beteiligt und wird in dieser Arbeit dementsprechend berücksichtigt werden. Eine Eingrenzung der Fragestellung findet in mehrere Richtungen hin statt. Das wilhelminischen Deutschland ist der räumliche und zeitlich Bezugspunkt dieser Arbeit. Der mediale Raum wird ebenfalls weiter eingegrenzt. Das visuelle Erleben durch „neuen“ Medien wird in den Vordergrund gerückt. Es kann nicht darum gehen, eine vollständige Entschlüsselung aller Motive, Zeichen oder Symbole, mit denen das kulturell Fremde in Verbindung gebracht wurde, zu entschlüsseln. Vielmehr werden die wiederkehrenden Rollen, die das Fremde in den Vorstellungswelten breiter Teile der Gesellschaft einnahm, thematisiert. So werden die nordamerikanischen „Indianer“ als Beispiel weitestgehend ausgeklammert. Die deutschen Kolonien waren das zentrale Thema in der Auseinandersetzung mit dem Fremden und werden auch in dieser Arbeit im Mittelpunkt stehen. Das Bild der nordamerikanischen „Indianer“ wurde zum Ende des 19. Jahrhunderts vor allem über die Trivialliteratur verbreitet. „Groschenhefte“ und die Kolportage mit ihren Wild-Western-Geschichten waren hier die wichtigste Medien.2 Ebenso wird der Film keine Berücksichtigung finden. In der Inszenierung des Fremden und Anderen spielen die ersten Filme keine Rolle. Der Film blieb bis zum Ersten Weltkrieg in den Kinderschuhen stehen und galt als eher anrüchige Veranstaltung (Prokop 2001: 307).
1.1 Terminologie
Eine Diskussion über die Fremden bringt es mit sich, dass keine wertneutralen Begriffe existieren, die aus der eigenen Perspektive heraus die Fremden oder Anderen beschreiben könnten. Das betrifft Bezeichnungen wie „Indigene“ oder „Autochthone“, ebenso wie „Schwarzafrikaner“, „Negro-Afrikaner“ oder andere. Im ersten Fall werden Vorstellungen von einer „bodenständigen“ oder einer einfachen, der Natur nahestehenden Lebensweise der „Urweinwohner“ damit verbunden und im zweiten Fall werden die kolonialzeitlichen Konstruktionen von einem fortschrittlicheren und einem rückständigen Afrika wiederholt. Die Liste ließe sich mit Begriffen wie „Zigeuner“ oder „Orient“ ausbauen. In dieser Arbeit werden die Bezeichnung „autochthone Bevölkerung“ verwendet, sowie „Schwarz-afrikaner“ oder „Schwarzafrika“. Da in dieser Arbeit die Repräsentation der Fremden im kolonialen Deutschland thematisiert wird, müssen die damaligen Vorstellungen ausgedrückt werden. Die notwendigen Unterscheidung zwischen Nordafrika, mit Ägypten, dem Sudan und anderen islamisch beeinflussten Gebieten und dem restlichen Kontinent zwingt zu einer konstruierten Terminologie, die auch als rassistisch bezeichnet worden ist (Fanon 2001). Afrika wurde und wird zum Teil heute noch im Bewusstsein und in der Alltagssprache vieler Europäer in ein „weißes“ und ein „schwarzes“, ein „kultiviertes“ und ein „primitives“ Afrika unterteilt. Martin Peter stellt treffend fest: „Es kann keinen Begriff geben, mit dem sich interessenlos von den hier genannten Menschen sprechen ließe; die zur Verfügung stehenden Wörter sind allemal zwischen den Polen des erniedrigten »schwarzen Teufels« und des überhöhten »edlen Mohren« angesiedelt“ (Martin 2001: 14). Andere Umschreibungen, wie „Afrikaner südlich der Sahara“, „Afrikaner dunkler Hautfarbe“ und ähnliche Konstruktionen können an der Tatsache nichts ändern, dass es sich um pejorative Zuschreibungen handelt, die einer westlichen Perspektive geschuldet sind. Allerdings werden diese Begriffe durchgängig in Anführungsstriche gesetzt, um ihren Hintergrund kenntlich zu machen und sie nicht in die heutige Sprache zu überführen.
Wenn von „Europa“ gesprochen wird sind Frankreich, England und Deutschland gemeint. Wenn von „westlicher Welt“ die Rede ist, wird noch Nordamerika einbezogen. Die Länder also, die im 19. Jahrhundert auf politischen, ökonomischen und kulturellen Gebiet eine Führungsposition für sich beanspruchten und die Definitionshoheit über das, was als kulturell Eigen und das, was als kulturell Fremd verstanden werden sollte für sich in Anspruch nahmen. Außerdem werden damit in erster Linie die urbanen Zentren Europas angesprochen. Inwieweit ländliche Lebenswelten durch den medialen Raum des 19. Jahrhunderts beeinflusst waren, kann in dieser Arbeit nicht geklärt werde.
In der Frage nach den öffentlichen Inszenierungen der Fremden in Europa werden in dieser Arbeit die sogenannten „Völkerschauen“ angesprochen. Dieser Begriff ist jedoch in die Kritik geraten. Werner Michael Schwarz spricht sich gegen die Verwendung aus, da der Begriff erst ab der Jahrhundertwende auf diese Art von Schaustellungen angewendet wurde und häufig unreflektiert übernommen worden ist (Schwarz 2001: 9). Schwarz spricht sich für die exakte Verwendung der unterschiedlichen zeitgenössischen Begriffe aus, wie „Dorf“, ,,Lager“, ,,Karawane“ oder ,,Truppe“ (Ebd.). Anne Dreesbach betont zusätzlich, dass der Begriff „Völkerschauen“ den Charakter der Veranstaltungen als Schaustellungen nicht erfasst (Dreesbach 2005: 319-320). In Anlehnung daran wird in dieser Arbeit ebenfalls nicht von „Völkerschauen“ gesprochen, sondern von „Schaustellungen fremder oder exotischer Menschen“, von „Völkerausstellungen“ und kurz von „Schauen“. Die Bezeichnung „Völkerausstellungen“ macht die bewusste Nähe einiger der Veranstaltungen zum musealen Ausstellungsbetrieb besonders deutlich.
1.2 Forschungsstand
Mit dieser Arbeit werden mehrere Forschungsfelder berührt. Zum einen die Ethnologie und ihre Thematisierung der Repräsentation des Fremden. Dann die kulturwissenschaftliche Medienanalyse und die Frage nach der Bedeutung medialer Inhalte für ein kollektives, kulturelles Gedächtnis und Wissen. Die geschichts- und literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit Kolonialismus und Imperialismus einerseits und mit Fremdenbildern in kolonialzeitlicher Literatur andererseits spielt ebenfalls ein Rolle. Nicht alle Bereiche wurden dabei gleichermaßen berücksichtigt.
Die Ethnologie hat sich seit den 1970er und vor allem ab den 1980er Jahren zunhemend kritisch mit ihrer Darstellungsweise fremder Gesellschaften auseinandergesetzt. Die Diskussion hat sich als „Krise der ethnographischen Repräsentation“ oder „Writing Culture-Debatte“ in der Ethnologie niedergeschlagen (Gottowik1997: 11). Vorausgegangen war eine sprachwissenschaftlich dominierte Debatte, die sich kritisch mit dem konstruktiven Gehalt wissenschaftlicher Textproduktion beschäftigte. Die sogenannte „literarische Wende“ (engl. liguistic turn) leitete in den Geisteswissenschaften einen Perspektivenwechsel ein (Gottowik 1997: 205). Neben der Ethnologie und Anthropologie waren Sozial- und Kulturwissenschaften, aber auch die Geschichtswissenschaften betroffen. Die wissenschaftliche Texproduktion wurde nun als ein höchst subjektiver, konstruierender und interpretierender Prozess erfasst. Vertreter der nordamerkanischen Kulturanthropologie hatten erheblichen Einfluss auf die Debatte, wie James Clifford oder Clifford Geertz (Kaschuba 1999: 250). In die „Krise“ geraten war nicht nur die Wiedergabe wissenschaftlicher Ergebnisse. Vielmehr wurde schon die Wahrnehmbarkeit objektiver Wirklichkeiten bestritten, was die Ethnologie als wahrnehmende und beschreibende Wissenschaft von Gesellschaft und Kultur in ganz besonderen Maße betreffen musste (Kaschuba 1999: 249).
Die Frage nach dem konstruktiven Gehalt ethnografischer Forschung und Repräsentation hat den Blickwinkel über das Fremde auf das Eigene gelenkt. Seit den 70er Jahren sind wichtige Arbeiten zur Darstellung des Fremden in den Reiseberichten und ethnografischen Beschreibungen seit der Zeit der Entdeckung und Eroberung der „Neuen Welt“ entstanden.3 Zu nennen sind in diesem Zusammenhang zum Beispiel die Arbeiten von Karl-Heinz Kohl (1981), Frauke Gewecke (1986) oder Sabine Schülting, die sich speziell der Darstellung indigener Frauen durch den Blick der männlichen Entdecker und Eroberer gewidmet hat (1996). Der von Kohl herausgegebene Sammelband Mythen der Neuen Welt (1982) ist mit mehreren Artikeln in dieser Arbeit berücksichtigt worden. Vorwiegend auf Formen des Exotismus in den Reiseberichten das 18. Jahrhundert geht der Sammelband von Thomas Koebner und Gerhart Pickerodt ein (1987). Alle genannten Arbeiten setzten sich auch mit der Frage auseinander, was die Beschreibungen der „Neuen Welt“ über die „Alte Welt“ aussagt und zeichnen die lange Tradition von Vorstellungen über das Fremde in Europa nach. Sie gehören zu einem Bereich der Ethnologie, den Fritz Kramer „imaginäre Ethnografie“ genannt hat (Kramer 1977: 8). Die fremde Welt wird zur „verkehrten Welt“ für die eigene Kultur (Ebd.). Aufgegriffen wurde ebenfalls das Standardwerk zur Kultur- und Geistesgeschichte der europäischen Kolonisation in der Neuzeit von Urs Bitterli (1976).
Unter dem Gesichtspunkt der imaginären Ethnografie ist das 19. Jahrhundert bisher nur sehr begrenzt betrachtet worden. Debatten um Kolonialismus und Imperialismus haben die Auseinandersetzung beherrscht. Rückschlüsse auf die kulturellen Dimensionen der Begegnung und Aneignung des Fremden in dieser wurden selten getroffen. Fritz Kramer hat mit seiner Arbeit zur Ethnografie des 19. Jahrhunderts hier einen wichtigen Anstoß gegeben. Anhand von Beispielen aus der romantischen Mythologie und den Reisebeschreibungen des 19. Jahrhunderts fragt Kramer nach den dahinter liegenden Gegenbildern, die durch die Auseinandersetzung mit der Fremde zur eigenen Gesellschaft entworfen wurden (Kramer 1977). Der Sammelband „Wir und die Wilden“ von Thomas Theye spricht schon 1985 die Frage nach der Darstellung der außereuropäischen Welt in den europäischen Medien und der Alltagskultur des 19. Jahrhunderts an. 1989 folgte mit „Der geraubte Schatten“ eine Analyse ethnografischer Fotografie in diesem Zusammenhang (Theye 1989). Der Sammelband „Anthropolgy and Photography 1860-1920“ hat die Bedeutung der wissenschaftlichen Fotografie im 19. Jahrhundert vor allem für die englische Anthropologie aufgearbeitet (Edwards 1992). Die Arbeit von Michael Wiener zur „Ikonographie des Wilden“ ist für hier gewählte Fragestellung besonders wichtig (Wiener 1990). Wiener analysiert die ethnologische Fotografie und fragt gleichzeitig nach den Fremdenbildern in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts (Wiener 1990: 9).
Außerhalb der ethnologischen Fotografie ist das Darstellung und Inszenierung des Fremden im medialen Raum des 19. Jahrhunderts aus ethnologischer oder kulturanthropologischer Perspektive bisher wenig untersucht worden. Von ethnologischer Seite wurden zunächst die bereits angesprochenen Völkerausstellungen thematisiert. Der Völkerkundler Alfred Lehmann machte mit zwei rückblickenden Artikeln zu Ausstellungen im Leipziger Zoo den Anfang (1953; 1955). Stefan Goldmann lieferte die ersten überblicksartigen Artikel in den 80er Jahren und beschäftigte sich unter anderem mit der Frage nach der Rezeption dieser sehr massenwirksamen Veranstaltungen (Goldmann 1985; 1987). Hilke Thode-Arora arbeitete die Völkerausstellungen von Carl Hagenbeck auf (Thode-Arora 1989). In den 90er Jahren kamen weitere Untersuchungen dazu, die sich vorzugsweise mit der Aufarbeitung der Schauen in einem regionalen Kontext beschäftigten.4 Für diese Arbeit ist das DFG-Projekt „Kulturelle Inszenierung von Fremdheit im 19. Jahrhundert“ wichtig.5 Orte, Medien und Praktiken der Inszenierung von Fremdheit im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden aus der Perspektive verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen untersucht. Das Fremde als Bestandteil einer populären Kultur in den europäischen Großstädten des 19. Jahrhunderts ist der gemeinsame Bezugspunkt, ebenso wie die Frage nach der Inszenierung von Fremdheit als Vergnügungsform für ein Massenpublikum. Gegenstand der Untersuchung sind Museen, Weltausstellungen und Menschenausstellungen,6 Theater, Tanz, Kunst und Werbung. Nicht berücksichtigt wurden dagegen Presse- und Druckerzeugnisse im 19. Jahrhundert.
In der Frage nach dem medialen Raum und den ihn bildenden Medien im 19. Jahrhundert wurden kulturwissenschaftliche Medienanalysen herangezogen. Der Band „Medien des kollektiven Gedächtnis“ ist für diese Arbeit zentral. Hier wird nach der Bedeutung medialer Inhalte bei den Transformationsprozessen von Erinnerung in kollektive Gedächtnisinhalte gefragt (Erll/ Nünning 2004). Anders als die rein medienwissenschaftlichen Arbeiten stellt diese Auseinandersetzung das Verhältnis von Medien zu Kultur in den Vordergrund. Für das 19. Jahrhundert und die Frage nach einer populären Medienkultur dieser Zeit wurde auf Werner Faulstich (2004), Kaspar Maase (1997), Hermann Bausinger (2001) und Rolf Wilhelm Brendnich (1991) zurückgegriffen.
Die Repräsentation des Fremden in der populären Kultur des 19. Jahrhunderts wurde bisher vorwiegend aus einer literatur- und geschichtswissenschaftlichen Perpektive im Zusammenhang mit Kolonialismus und Imperialismus untersucht.7 Auch hier kann der linguistic turn als der entscheidende Impulsgeber bezeichnet werden, der zu einer kulturgeschichtlichen Perspektive geführt hat oder wie Birthe Kundrus es ausdrückt, zur Frage nach der „mental map (...) der Kolonisierenden“ (Kundrus 2003c: 8). Selbst- und Fremddeutungen rücken hier in den Vordergrund. Diese, dem Postkolonialismus zuzuordnenden Studien sind oft stark literaturwissenschaftlich ausgerichtet. Die frühen Arbeiten waren auf den anglo-amerikanischen Raum beschränkt und wurden maßgeblich von Edward W. Said mit seiner Arbeit Orientalism (2003) auf den Weg gebracht (Schubert 2003:20). Die Konstruktion des „Orients“ wird bei Said allerdings zentral in einen machtpolitischen Zusammenhang von Kolonialismus und Imperialismus gestellt. Der deutsche Kolonialismus fand zunächst wenig Berücksichtigung, er galt als zu kurz und oberflächlich um nachhaltige Spuren hinterlassen zu haben (Kundrus 2003c: 9). Wichtige Arbeiten kamen hier aus dem amerikanischen Raum.8 Aus dem deutschsprachigen Raum kamen seit den letzten Jahren einige Arbeiten hinzu, die sich vor allem durch ihre interdisziplinäre Vorgehensweise auszeichnen. In diese Arbeit sind vor allem zwei Sammelbände eingeflossen, die sich mit Kolonialismus und Kultur beschäftigen. Zum einen der von Birte Kundrus herausgegeben Band „Phantasiereiche“ (Kundrus 2003a) und zum anderen der Band „Kolonialismus als Kultur“ (Honold/ Simons 2002a). Ansonsten wird die Frage nach der kolonialpolitischen Propaganda in den Medien dieser Zeit ausgeklammert.
In der Besprechung der Inszenierung des kulturell Fremden in den ausgewählten Medien des wilhelminischen Deutschlands wurde zusätzlich auf Autoren wie Karl-Heinz Kohl (Kohl 2003) zur Bedeutung sakraler Objekte, Peter Martin zur historischen Einordnung der Darstellungsweise der Afrikaner (Martin 2001), Jürgen Osterhammel (Oserhammel 1989) und Johannes Fabian zur Bedeutung von Reiseerfahrungen der Zeit als wiederkehrendes Thema im medialen Raum (Fabian 2001), Nina Bermann zum Bild des Orients um 1900 (Bermann 1996) sowie Robert Tobin zur Inszenierung von Exotik (Tobin 2002) zurückgegriffen. In der Auseinandersetzung mit dem Anthropophagiemotiv in den Medien des wilhelminischen Deutschlands wurde der von Daniel Fulda und Walter Pape herausgegebenen Sammelband wichtig (Fulda/ Pape 2001). Bisher wurde das Anthropophagiemotiv in der deutschsprachigen Literatur und den Medien der Kolonialzeit wenig beachtet oder als Ausdruck rein imperialistischer Denkweisen betrachtet. Nach Daniel Fulda ist in den „Kannibalismusfiktionen und -metaphern“ nicht nur ein denunziatorisches Motiv zu sehen. In dem Sammelband steht der metaphorische Gebrauch des „Menschenfressens“ im Vordergrund, wodurch sie vielmehr Auskunft geben über „a story about ourselves“, so Fulda (Fulda 2001: 22).
Im nächsten Abschnitt wird zum einen die lange Tradition von Fremdenbildern bis zum 19. Jahrhundert thematisiert. Zum anderen wird nach Übernahme und Wandel dieser Vorstellungen in den Medien des 19. Jahrhunderts gefragt. Das dritte Kapitel dient einer Einordnung des Themas in den historischen Kontext, wobei die urbanen Veränderungen im wilhelminischen Deutschland im Vordergrund stehen. Im vierten Kapitel wird der mediale Raum des wilhelminischen Deutschlands näher betrachtet und die Bedeutung der ethnologischen Fotografie in dieser Zeit thematisiert. Das fünfte Kapitel stellt die ausgewählten Quellen näher vor, um dann im sechste Kapitel Formen und Funktionen der Inszenierung der Fremden im medialen Raum des wilhelminischen Deutschlands zu besprechen. Das abschließende Kapitel dient einem Fazit und einen Ausblick.
2. Imagination und Repräsentation des Fremden
Das kulturell Fremde und das kulturell Eigene weisen nicht auf zwei sich gegenüberstehende Vorstellungen hin. Vielmehr ist das kulturell Fremde immer Teil des kulturell Eigenen. Die Terminologie ist in der Frage nach der Repräsentation des Fremden wichtig und wird dementsprechend in diesem Abschnitt aufgegriffen. Die Bezeichnung das Fremde bezeichnet den damit verbundenen Sachverhalt nur unzureichend. Während sich im englischen Sprachraum die Bezeichnungen „the other“ durchgesetzt hat, ist im deutschen Sprachraum meist von „die Fremden“ oder „das Fremde“ die Rede. Nach Martin Fuchs bringt der Begriff „das Andere“ oder „die Anderen“ die Beziehung zwischen der Ethnologie und ihrem Gegenüber besser zum Ausdruck (Fuchs 1995: 9). Noch besser wird die Beziehung zwischen Betrachtenden und Betrachteten jedoch mit „othering“ erfasst, so Johannes Fabian. „Awkward and faddish as it may sound, othering expresses the insight that the Other ist never simply given, never just found or encountered, but made“ (Johannes 1991: 208). Damit wird das Pozesshafte und das Aktive in der Konstruktion des Anderen deutlich hervorgehoben. Das Eigene schafft sich sein Gegenüber in jedem historischen Abschnitt neu und anders. Nach Johannes verhält es sich mit dem Begriff der Repräsentation ganz ähnlich. Im Plural verwendet werden Repräsentationen zu Wesensmerkmalen, das Prozesshafte geht auch hier verloren: „Instead, by privileging the plural, we invoke entities, products of knowledge or culture“ (Johannes 1991: 207). Noch stärker geht die Bedeutung der Repräsentation bei ihrer Eindeutschung verloren, so Martin Fuchs. Im Deutschen wird Repräsentation häufig durch die Begriffe „Darstellung“, „Vorstellung“, „Vergegenwärtigung“ oder „Vergegenständlichung“ ersetzt (Fuchs 1995: 9). Die aktive Konstruktion wird auch hier nicht deutlich.9
Es ergeben sich daraus zwei Möglichkeiten. Die eigene Lebensweise wird in Frage gestellt oder es wird Distanz aufgebaut. Andere Lebensformen dienen dabei als Spiegel und Gegenüber um das Eigene global zu positionieren, so Martin Fuchs (1995: 7). Das 19. Jahrhundert war von diesen Einsichten noch weit entfernt. Die Repräsentationen der Reisenden und Ethnologen wurden als echte fremde Welten verstanden. Nach Kramer kommt in der Repräsentation der fremden Kultur zum Vorschein „was in der bürgerlichen tabuisierte Wahrheit ist“ (1977:8). Die Repräsentation des kulturell Fremden ist also nur vor dem jeweiligen kulturellen Hintergrund zu verstehen. Die Medien des 19. Jahrhunderts nahmen eine Vermittlerrolle für breite Kreise der Bevölkerung ein. Die bereits imaginierte Welt der Reisenden und Forscher wurde einer weiteren Umwandlung unterzogen. Der visuelle Ausdruck der Repräsentation wurde dabei immer bedeutender.
2.1 „Barbaren“ und „edle Wilde“ – Die Repräsentation des kulturell Fremden bis zum 19. Jahrhundert
Um in den nächsten beiden Kapiteln auf das 19. Jahrhundert zu sprechen zu kommen, soll an dieser Stelle einer kurzer Abriss der langen Tradition von Fremdenbilder und vom Verstehen des kulturell Fremden und des kulturell Eigenen wiedergegeben werden. Bis zum 19. Jahrhundert waren es Sprache, Schrift und Bilder, die als Medien zur Verbreitung kollektiver Gedächtnisinhalte fungierten. Allerdings waren diese Medien und die darin ausgebreiteten Vorstellungen einer kleinen Minderheit vorbehalten und müssen in einen geistesgeschichtlichen Kontext eingeordnet werden. Diese lange Tradition, die von der Antike über Mittelalter, Neuzeit und Aufklärung bis in die Moderne reicht, muss als Vorläufer und als „Futter“ für den medialen Raum des, in dieser Arbeit thematisierten, späten 19. Jahrhunderts betrachtet werden. Trotz neuer Techniken das Unbekannte sichtbar zu machen, räumliche Entfernungen zu überbrücken und die Wirklichkeit mechanisch ablichten und damit deren flüchtige Aspekte konservieren zu können, sogar trotz der Erkundung der letzten „weißen Flecken“ auf den Landkarten verschwanden die imaginären Geschöpfe der Vergangenheit nicht aus den Vorstellungswelten der Menschen im 19. Jahrhundert.
2.1.1 Weltbilder im Wandel
Schon in der Antike tauchten die zwei grundlegenden Pole in Bezug auf Wahrnehmung und Repräsentation des kulturelle Fremden auf. In modifizierter Form sollten diese auch noch im 19. Jahrhundert prägend sein. Der Begriff „Barbaren“10 stand in der Antike für ein angsteinflößendes Feindbild, der ansonsten durchaus ehrenhaften Kriegsgegner der antiken Heere, insbesondere des römischen Imperiums. Wenn auch bei den Griechen gewisse Differenzierungen zu verzeichnen sind und erst einmal alle nicht griechischen Völkern als „Barbaren“ bezeichnet wurden, überwogen doch die Charakterisierungen der „Barbaren“ als dumme, menschenfeindliche, zügellose, grausame Bewohner unkultivierter Gebiete, als Unzivilisierte und als Mensch bar jeder Bildung (Wimmer 1990: 82).11 Die Kriegsführung der „Barbaren“ war gekennzeichnete durch Hinterlist und Tücke unter Ausnutzung der natürlichen Gegebenheiten ihres Lebensraumes, so die Vorstellungen der Nicht-Barbaren. Es entstand ein vernichtenswerter Feind, der mit allen zur Verfügung stehenden Mittel bekämpft werden konnte und musste. Neben Aspekten der psychologischen Kriegsführung diente diese Bild als Legitimation für Eroberung und Unterdrückung. Daran änderte sich auch im 19. Jahrhundert nichts.
Demgegenüber lässt sich bereits zu dieser Zeit der gegenteilige Ansatz, die Idealisierung des Fremden, der Fremde und des Exotischen ausmachen. Ein sehr frühes Beispiel ist Homers Odyssee mit der Homer eine besonders prägnante Begrifflichkeit einführte, nämlich die Bezeichnung „gottgeliebtes Südvolk“ (Mühlmann 1984: 26). Es scheint, dieser Begriff charakterisiert wie kein Zweiter die Tradition der Idealisierung des Anderen. Letztlich ist hier, nach Mühlmann, der Beginn und „mythische Keim einer allem Fortschrittsdenken scharf entgegengesetzten Deprivationstheorie“12 zu sehen (Mühlmann 1984: 26). Besonders beeindruckend ist, so konstatiert Mühlmann, das so frühe Auftauchen einer Vorstellung von einem erstrebenswerten ursprünglichen „Naturzustand“ der Menschheit.
Mit dem Übergang zum Mittelalter findet ein grundsätzlicher Wandel im Verständnis der Natur und ihrer Bewohner statt. War das Naturverständnis in der Antike geprägt von ersten Versuchen einer philosophischen Erfassung der Natur, von Fragen nach Sinn und Zweck der Ordnung der Dinge, von der Suche nach einer Vernunftsordnung der Natur, wurde im Mittelalter die Natur als das in einem einzelnen Schöpfungsakt geschaffene Abbild Gottes betrachtet. Im Rahmen der Christianisierung versuchten Missionare die natur-mythische Religiosität des Volkes, die in Wind, Sträucher oder Wasser göttliche Kräfte, gar Gottheiten vermuteten, abzubauen. Die Wegbereiter des christlichen Monotheismus mussten die Natur gleichsam neutralisieren, denn alles war Natur, auch ihre Bewohner und ebenso war alles von einer einzelnen göttlichen Kraft geschaffen. Die autochthone Bevölkerung einzelner bisher nicht von Europäern betretenen Gebiete stellte sich demnach als Geschöpf Gottes dar. Die Wertigkeit der vorgefundenen Bevölkerung wurde nach dem Grad ihrer Missionierbarkeit eingeteilt, beziehungsweise nach der Frage ob sie denn nun Mensch oder Tier seien.13
Mit den großen Entdeckungsfahrten der europäischen Seemächte und damit einhergehenden Erzählungen der Matrosen, Kapitäne und der sie begleitenden Berichterstatter fanden sich in den bisher unentdeckten Gebieten jedoch allerlei sagenhafte Fabelwesen. Hier dienten die antike Vorstellungen von Monstern, Zyklopen und anderen mythischen Wesen, wie etwa Herodots Berichte von Stämmen östlich von Persien, die mit ziegenbeinigen Menschen, Kopflosen, Amazonen oder Kannibalen bevölkert sein sollten oder Homers Odyssee, als Quellen der phantastischen Berichte dieser Zeit. Im Zuge des Zusammentreffens hat sowohl eine Entmythisierung als auch eine erneute Mythisierung der Natur und ihrer Bewohner stattgefunden, „ein fortwährender Konflikt zwischen Imagination und empirischer Erfahrung, zwischen utopischen Wunschphantasien und kruden materiellen Interessen“, so Karl-Heinz Kohl, wird hier deutlich (Kohl 1982: 13).
Die mittelalterlich geprägte Vorstellung des Menschen von sich und der Natur löst sich in einem langen Prozess, der bereits im 14. Jahrhundert einsetzte und im 17. Jahrhundert kulminiert, auf. Mit der kopernischen Auflösung des geozentrischen Weltbildes dessen entscheidenden geistesgeschichtlichen Impulse Francis Bacons (1561-1622) mit seiner Philosophie der Induktion, einer Philosophie der Befreiung von Trugbildern gab, wurde erneut ein grundsätzlicher Wandel in der Anschauung der Natur und ihrer Bewohner eingeläutet. Das bisher geltende „Sichtbarkeitspostulat“ (Iser 1993: 169) geriet zunehmend ins Schwanken. Immer stärker wurde eine nicht mit den menschlichen Sinnen und Organen erfassbare Natur angenommen. Aus dieser Erkenntnis heraus sind die Menschen umgeben von unsichtbaren, nur mit Mitteln der Naturwissenschaften erfassbaren Dinge. Die Sinne trügen und zwischen Mensch und Natur tut sich ein Abgrund auf, der nur unter Aufbietung technischer Innovationen überbrückt werden kann (Iser 1993: 171).
Das Naturverständnis der Neuzeit und Aufklärung war zunehmend geprägt von einer wissenschaftlicher Betrachtungsweise. Der Abgrund zwischen Mensch und Natur konnte durch die Entwicklung mathematischer, experimenteller und instrumenteller Medien überwunden werden. In der Endphase der Neuzeit begann langsam die Ausdifferenzierung der heutigen Wissenschaften und schließlich, ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, setzte zusätzlich die Phase der Historisierung, vor allem geprägt durch Charles Darwin (1808-1882), ein. Nun wurden nicht mehr nur die gegenwärtigen Naturerscheinungen vermessen, erforscht und geregelt, sondern die Natur in ihrer historischen, evolutionären Entwicklung gesehen.
Im Endergebnis stellt sich die Natur als ein dynamisches, evolvierendes System dar, dessen Horizont weder im Hinblick auf Zeit noch Entwicklungspotential begrenzt ist. Hieraus ergibt sich, dass menschliche Gesellschaften, die in der Natur und von der Natur leben, selbst als dynamisches, evolvierendes System angelegt sein müssen um den Grundkonflikt von Kultur und Natur, die Kluft letztlich, die sich zwischen Zivilisation und Wildnis auftut, überwinden zu können. Angesichts dieser Entwicklungen wundert es wenig, dass das Naturverständnis in dem zeitlichen Rahmen dieser Arbeit von Aufbruchsstimmung, Neuentdeckung und einem neuen Begreifen der Natur und ihrer Bewohner geprägt ist. Begleitet vom medialen „Getöse“ brechen Abenteurer und Forscher aller Orten in neue Gefilde auf, erreichen die letzten weißen Flecken der Landkarten und spüren bisher unentdeckten autochthonen Bevölkerungen nach. Dieses Naturverständnis ist es aber auch, das der autochthonen Bevölkerung einen Platz ganz unten auf einer Entwicklungsstufe der Menschheit zugewiesen hatte. Die Menschen waren nun nicht mehr ein Abbild Gottes, sondern von ihrer natürlichen Veranlagung her mehr oder weniger begünstigt.
Die sich aus diesem Naturverständnis heraus ergebenden Darstellungen der Fremden haben sich im 19. Jahrhundert zum einen gewandelt, auf der anderen Seite kam es in Motiv und Gestaltung zu Übernahmen aus früheren Jahrhunderten, insbesondere aus dem 16. und 18. Jahrhundert. Im nächsten Abschnitt werden kurz und selektiv die Darstellungen des Anderen seit der frühen Neuzeit beschrieben, um Übernahme und Wandel der Motive und Symbole im 19. Jahrhundert kenntlich zu machen.
2.1.2 Die Darstellung des Fremden seit der Neuzeit
Seit dem Mittelalter überwog in Wahrnehmung und Darstellung des Anderen eindeutig die Hervorhebung der Andersartigkeit, Monstrositäten aller Art beherrschten den damaligen medialen Raum (Wiener 1990: 26). Unterstrichen wurde dabei die eigene Territorialität und Identität zur Legitimation eigener Machtansprüche (Wiener 1990: 24). Noch in den Abbildungen der frühen Neuzeit wurden die „Wilden“ der „Neuen Welt“ in direkter Übernahme mittelalterlicher Volksüberlieferungen wiedergegeben. Neben den textlichen Quellen gehörten die Illustrationen in Form von Kupferstichen oder Holzschnitten14 zu den eindringlichsten Zeugnissen dieses medialen Raums, die in Form von „Zeytungen“ und Einblattdrucken in sehr begrenzter Anzahl auch einem leseunkundigen Publikum zugänglich waren (Kohl 1982: 15).
Im Zuge der Eroberungen und Entdeckungen im 16. Jahrhundert und den damit sich häufenden Reisebeschreibungen wurden „landestypische“ Charakteristika in den Darstellungen bestimmend, die allerdings kritiklos auf den ganzen Kontinent übertragen wurden. Federhaube, Federschmuck und Kannibalismus wurden so zu den wiederkehrenden Motiven, die nach Kohl auf kaum einer Holzschnittillustration fehlen durften (Kohl 1982: 15) und ebenso in den späteren Jahrhunderten und noch im 19. Jahrhundert die gängigen Vorstellungen über die autochthone Bevölkerung nahezu ganz Amerikas bestimmen sollten.

Abbildung
1: Theodor de Bry, „Wie
Indianer Menschenfleisch braten“,
Kupferstich aus de Brys „Amerika“,
Teil 3, Frankfurt a. M. 1593
Die Abbildungen des Fremden gewannen seit dem 16. Jahrhundert erstmalig eine eigene inhaltliche Bedeutung und verliehen den Gestalten der Fantasien ein konkretes, detailliertes „Gesicht“, viel stärker als es alleine der Text zu erreichen vermag. Eine Plastizität, Detailtreue und vermeintliche Realitätsnähe zeichneten die Illustrationen der Reisekompilationen eines Theodore de Brys (1528-1598) aus.15 Auf den ersten Blick erscheint beispielsweise der Kupferstich „Wie die Indianer Menschenfleisch braten“ (Abbildung 1) aus de Brys Amerika16 als insgesamt realistische Darstellung, versehen mit zahlreichen ethnografischen Details. Wird der Stich jedoch aus heutiger Sicht analysiert, bleiben von der angeblichen Realitätsnähe nicht viel mehr als wenige aussagekräftige Einzelaspekte einer ansonsten gefälschten und überzogenen Wiedergabe (Hirschberg 1968: 141). Abgebildet ist eine Gruppe von Menschen, die um ein großes Rost versammelt ist und genüsslich deutlich zu erkennende menschliche Körperteile verspeisen. Die Abbildungen in den Reisekompilationen wurden nach Zeichnungen der Reisenden in Europa gefertigt und von den jeweiligen Künstlern um ein „imaginiertes Aussehen“ bereichert (Bucher 1982: 77). Insbesondere die Proportionierung der wohlgeformten Körper lassen den Rückschluss auf ein Werk der Renaissance zu. Neben den allgemeinen Merkmalen stechen einzelne Figuren als besonders typisch für den prägenden Stil dieser Zeit hervor. Zu nennen sind hier einmal der Knabe im rechten unteren Bildabschnitt, der an eine Putte erinnert. Die abgetrennte Hand, die dieser Knabe zum Munde führt, könnte ebenso gut die Flöte eines Engelchens in einem Sakralbau ersetzen. In der linken unteren Bildhälfte ist eine Frau zu sehen, die in typischer Venus-Positionierung klassischen Vorstellungen nachempfunden ist. Drei weitere Frauen, hinter der schönen, venusgleichen Gestalt, sind deutlich als alt und hässlich markiert. Sie lecken sich die Finger, was den besonders wohlschmeckenden Genuss der menschlichen Speise betont, andererseits und eher peripher auf die damals weit verbreitete Metapher von alten Frauen als Hexen, Dämonen und Teufelsanbeterinnen verweist (Bucher 1982: 78). In der Darstellung wird deutlich, dass trotz kannibalischer Praktiken Menschen noch nicht nach ihrer äußeren Gestalt unterschieden wurden. Differenzierungen fanden aufgrund ihrer religiösen und kulturellen Eigenschaften statt und nach der schon angesprochenen Frage ob sie Mensch oder Tier sind (Schülting 1997: 85). In der Inszenierung, oder wie Elisabeth Luchesi sagt, in ihrem „Bühnencharakter“ (Luchesi 1982: 73), ähneln sie jedoch in der stark vereinfachenden inszenierten Ausgestaltung der Bildmedien des 19. Jahrhunderts.
Die Kupferstecher arbeiteten nach mehr oder weniger schlechten Zeichnungen und orientierten sich ansonsten an den Vorbildern der europäischen Malerei (Bitterli 1976: 256). Noch bis ins 17. Jahrhundert entsprachen diese Stiche den ästhetischen Vorlieben des Publikums. Erst mit der Aufklärung wurde Kritik an den wenig exakten und wenig realistischen bildlichen Darstellungen nahezu aller Reiseberichte laut (Bitterli 1976: 257). Eine wichtige Traditionsschiene bis zum 19. Jahrhundert ist damit angesprochen, die Polarisierung zwischen dem „schlechten“ und dem „guten Wilden“. In den Essais von Michel de Montaigne, wie in dem häufig zitierten „Des Cannibales“, wurde den Europäern ein Spiegel vorgehalten, der die eigene Kultur in Frage stellen sollte (Bitterli 1976: 233; Gewecke 1986: 235, 239). Selbst die „wilden Kannibalen“ wurden angesichts des eigenen sittlichen Verfalls zu den besseren Menschen erklärt. Die Darstellung vom „guten Wilden“ der Aufklärungszeit hatten eine ähnliche Funktion inne. Unter der Zuhilfenahme der außereuropäischen Fremden wurde die eigene Gesellschaft kritisiert. Bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts standen sich so die Bilder und Darstellungen vom „Barbaren“ und vom „edlen Wilden“ noch konkurrierend gegenüber (Kohl 1882: 19). Mit dem Naturverständnis der Aufklärung setzte zusätzlich eine genauere Betrachtung der physischen Merkmale autochthoner Bevölkerungen ein. Diese Betrachtungsweise war von einem Vergleich zwischen den „Wilden“ und den „Europäern“ geprägt, wobei nicht nur die körperliche Erscheinung berücksichtigt, sondern von dieser auf die moralische Verfassung geschlossen wurde (Bitterli 1976: 356). Mit den Forschungsreisen eines James Cook, Johann Reinhold und George Forster wurde daneben die Südsee zum Inbegriff paradiesischer Zustände. Während Schwarzafrikaner sich am stärksten vom europäischen Idealbild entfernt hatten, wurden die Südseebewohner zu klassischen Schönheiten stilisiert (Bitterli 1976: 358, 362). Beide Vorstellungen blieben für das 19. Jahrhundert maßgebend. Aber erst im Zuge der weiteren Entdeckung und Eroberung der bis dahin unbekannten Weltgegenden wurde die Kluft zwischen Europa und Übersee immer größer und es bildete sich, so Karl-Heinz Kohl, „eine neue Vorstellung heraus, die vom »armen Primitiven« nämlich, der dem »zivilisierten« Europäer als Vorstufe seiner eigenen Entwicklung erscheint.“ (Kohl 1982: 19). Evolutionstheorie und physische Anthropologie, mit dem Ideal eine „Naturgeschichte der Menschheit“ zu entwickeln, beherrschten die Fachdebatten dieser Zeit17 und wurde prägend für die Vorstellungen im medialen Raum.
2.2 Kultur und Wahrnehmung
Kulturelle Erinnerungen von fremden Ländern und fremd anmutenden Bewohnern existierten schon seit vielen Jahrhunderten und waren keine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Das kulturell Fremde wurde in den Geschichten der Medienproduzenten in der industriellen Reproduktion jedoch in viel stärkerem Maße auf ein einfaches Symbol reduziert. Nur die wichtigsten, immer gleichen Muster wurden dargestellt. Die industrialisierte Fertigungsweise brachte es mit sich, dass Produkte schnell hergestellt, Geschichten schnell geschrieben werden mussten. Zudem sollten die einmal produzierten Formen möglichst einfach wiederverwertbar sein.
Hinsichtlich eines abgegrenzten Begriffes von eigen und fremd entsteht ein Bereich kultureller Einschätzungen und Werturteile, die dem Einzelnen eine Definition innerhalb der eigenen kulturellen Grenzen ermöglichen. Dieses Bedeutungsgewebe wird in erster Linie über die Wahrnehmungs- und Wertungssysteme der eigenen Kultur vermittelt. War es bis in das 19. Jahrhundert vor allem die mündliche Überlieferung, die eine zentrale Vermittlungsfunktion einnahm, so sind es mit den, ab Anfang des 19. Jahrhunderts entstehenden, industriell reproduzierbaren Medien, eben diese, die die Rolle der mündlichen Erzählungen ablösten.18 Der Geschichtenerzähler wird zum Boulevard- und Bildjournalisten, der seine Wahrnehmung und sein Erleben in die Erinnerungen Aller einflechtet. An dieser Stelle muss betont werden, dass die mündliche Überlieferung keineswegs verschwand und bis in unserer Zeit, der Zeit der „digitalen Revolution“, keineswegs verschwunden ist oder nebensächlich geworden wäre. Vielmehr kann Werner Faulstich zugestimmt werden, der gerade das Bedürfnis dieser Zeit nach den früheren „Menschmedien“, nach der konkreten Körperlichkeit betont, die nun in medialer Form erscheint (Faulstich 2004: 219). Faulstich beschreibt diesen Prozess als „eine fundamentale Erneuerung der primären Medienkultur in Gestalt ihrer medialen Verdoppelung“ (Ebd.). Die Symbole der neuen Medien bedienen mit ihrer stark vereinfachten, reduzierten Zeichensprache gerade das Bedürfnis nach einer direkt verständlichen Erzählweise. Die wenigen, reduzierten Anteile reichen jedoch aus, um komplexe Erinnerungsmuster zu wecken. Bereits früher in das kulturelle Gedächtnis eingegangene Inhalten werden durch die Symbolsprache aktiviert. Derartige Symbole fungieren als Katalysatoren, sie verdeutlichen und wecken immer wieder vermeintlich bereits Gewusstes. Variiert werden nicht die tiefergehenden Inhalte, sondern lediglich die äußeren Erscheinungsformen. Die Geschichten, die mit Hilfe dieser Symbole erzählt werden sind nicht neu und können mit Nebenaspekten durch das bereits vorhandene Wissen ergänzt werde. Die Menschen fühlen sich damit geborgen und zu Hause in der Geschichte. Die Wiederholung der Symbole in unterschiedlichen Medien schafft zusätzliche Identifikationsmöglichkeiten.
Bisher wurde die individuelle Wahrnehmungsebene angesprochen. Damit Medien als Träger einer kollektiven Erinnerung dienen können bedarf es, wie anschaulich in Birgit Naumanns Artikel erwähnt, einer ganz bestimmten Erinnerungsstruktur, eines Erinnerungs- und Bedeutungsgewebes, welches als kollektives kulturelles Gedächtnis fungiert (Neumann 2004: 194). „In Medien des kollektiven Gedächtnisses materialisieren sich in sinnverdichteter Form entscheidende Aspekte der Kollektivvergangenheit, die künftig erinnert werden sollen“ (Neumann 2004: 194). In der speziellen Fragestellung der vorliegenden Arbeit wird hinsichtlich der industriell gefertigten Medien der Aspekt ihrer massenhaften Reproduktion, sowie der Prozess ihrer Externalisierung von mündlichen oder flüchtigen Inhalten wichtig. Die neuen Medien19 jener Zeit wurden in großer Auflage verbreitet und erreichten so ein sozio-kulturelles Gewebe in seiner Gänze.
Von besonderer Bedeutung im medialen Raum des 19. Jahrhunderts waren die Bildmedien. Durch die damals noch neue mediale Form der Fotografie gelangten fotografische Inhalte in die Erinnerungsstruktur des Einzelnen. Die Fotografie kann als Spiegel mit Erinnerungsvermögen betrachtet werden (Ruchatz 2004: 86). Letztlich ist das Foto so die perfekte Repräsentation eines Erinnerungsinhalts, es ist ein einzelnes Erinnerungsfragment im kollektiven kulturellen Gedächtnis des Einzelnen, welches als Vorlage für eine scheinbar eigene Erinnerung dient. Bilanzierend kann Jens Ruchatz in der Annahme zugestimmt werden, dass die „Fotografie als gedächtnisförmiges Bildmedium konzipiert worden ist“ (Ruchatz 2004: 86). Hier drängen sich Analogien zwischen der Art und Weise der technischen Belichtung und der Erinnerungsbildung des Gehirns auf. Belichtet der Fotograf eine Bildplatte bzw. einen Filmstreifen, so „belichtet“ das Erlebte gleichsam die Erinnerungszentren des Gehirns. Die Bilder „brennen“ sich in die Erinnerung ein. Das Erleben wird dabei maßgeblich nach den bereits „eingebrannten“ oder gespeicherten Bildern, nach dem kulturellen Vorwissen wahrgenommen und gestaltet.
Damit ist die Frage nach dem eigentlichen Speichermedium und dessen Konsistenz und Authentizität gestellt. Die der mündlichen Überlieferung dienenden kollektiven Erinnerungsfragmente waren vor allem in den neuronalen Netzen der Erzähler oder des Überliefernden gespeichert. Einzelne Erzählthemen wurden zwar schon zu Gutenbergs Zeiten verschriftlicht, doch die große Bedeutung der Live-Erzähler blieb. Mit den neuen Medien im 19. Jahrhundert, mit den zahlreichen Printmedien und einer großen Menge an Bildmaterial wurden die Erzählungen speicherbar. „Kenntnisse werden akkumulierbar und so erst im Vergleich verschiedener Perspektiven kritisierbar“ (Ruchatz 2004: 86). Die Verfügbarkeit der externen Speicher, im Vergleich zu den internen Speichern der neuronalen Netze des Gehirns, ist aus kulturwissenschaftlicher Perspektive ein wesentlicher Effekt der Verschriftlichung. Mit der Industrialisierung wurden diese externen Speicher massenhaft verfügbar und es entstanden neue mediale Formen, wie Bildzeitschriften und Fotografie.
3. Das wilhelminische Deutschland
Neben einer geistesgeschichtlichen Tradition wurde das Bild vom kulturell Fremden im 19. Jahrhundert durch den politischen und gesellschaftlichen Wandel geprägt. Mit dem 19. Jahrhundert brach ein Zeitalter „planmäßiger deutscher Kolonialversuche und Kolonialgründungen“ an, so Horst Gründer. Kolonie und Flotte wurden zu einem Thema breiter Schichten der Gesellschaft (Gründer 1999: 13). Die Entwicklung zeichnete sich bereits mit den 1840er Jahren ab. In dieser Zeit wurden koloniale Pläne mit Amerika und Afrika verbunden, wogegen die Südsee eher in Romanen eine Rolle spielte und Vorderasien reine Propaganda blieb (Gründer 1999: 14). In den 50er und 60er Jahren kam der Ferne Osten als Kolonialprojekt in die Diskussion. Aber erst 1884, im Rahmen der Berliner-Westafrika-Konferenz von 1884/85, erlangte das deutsche Reich seine ersten Kolonien.20 Im offiziellen Sprachgebrauch wurden die Kolonien „Schutzgebiete“ genannt, was die widersprüchliche Haltung Deutschlands in Bezug auf das eigene koloniale Engagement zum Ausdruck brachte. Während sich in der Öffentlichkeit eine starke Kolonialbewegung formiert hatte, muss die Haltung der politischen Führung im Kaiserreich kolonialen Projekten gegenüber als unentschlossen bis ablehnend beschrieben werden (Gründer 1999: 68). Der Druck der Öffentlichkeit, sowie die Sorge um das internationale Prestige haben dazu beigetragen, dass Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts doch noch eine Kolonialmacht wurde. 1884 wurden vier „Schutzgebiete“ in Afrika erworben: Deutsch-Südwest, Togo, Kamerun und 1885 Deutsch-Ostafrika. Weitere Gebiete in der Südsee kamen zwischen 1884–1886 dazu und bis 1899 die westlichen Salomonen, Teile von Samoa und das „Pachtgebiet“ Kiautschou in China. Das Kolonialgebiet war damit insgesamt sechsmal so groß wie das Deutsche Reich, wenn auch wesentlich kleiner als die Gebiete von England oder Frankreich (Gründer 1999: 93). Innerhalb der afrikanischen Gebiete zeichnete sich die deutsche Kolonialpolitik durch starke Repressalien gegenüber den autochthonen Bevölkerungen aus, die in der einzigen Siedlerkolonie, dem heutigen Namibia, von „Rassengegensätzen“ zwischen Weiß und Schwarz geprägt war (Gründer 1999: 102) und in einem brutalen Vernichtungskrieg gegen Widerstand leistende autochthone Bevölkerungsgruppen mündete. In dem dem deutschen Reich zugesprochenen Gebiet von Samoa wurde dagegen stärker auf eine Kooperation mit den Samoanern gesetzt.21 Der Blick auf den kolonisierten Menschen ist allerdings immer ein Blick der Selbstvergewisserung der eigenen politischen, kulturellen und militärischen Überlegenheit, der eine moralische Legitimation, einer an gewaltsamer Eroberung, Unterdrückung und Ausbeutung anderer Länder und deren Bevölkerungen verpflichteten Kolonialpolitik, darstellt.
Neben dem kolonialen Engagement ist vor allem die Frage nach dem gesellschaftlichen und kulturellen Wandel wichtig. Die urbane Entwicklung verlief ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend rasant. Die Städte wuchsen gewaltig. 1850 gab es fünf Städte über 100.000 Bewohner, 1900 waren es 33. Die größten Zuwachsraten verzeichneten die Städte dabei in einem relativ kurzen Zeitraum, von 1871, nach der Reichsgründung, bis 1910 (Faulstich 2004: 12). Diese Entwicklung ging einher mit „wilder“ Bautätigkeit, schlechten Wohn- und Hygienebedingungen der Arbeiterklasse, Straßenbau und Repräsentationsbauten, Landflucht und weiteren sozialen Umbrüchen.22 Industrialisierung und Urbanisierung waren die Dreh- und Angelpunkte des gesellschaftlichen Lebens der Zeit. Ein technische Fortschrittsglaube hielt Einzug. Räume konnten nun mit Eisenbahn, Dampfschiff und dann dem Automobil überbrückt werden, was zu ersten Tourismusformen führte. Die Wahrnehmung änderte sich. Eine Freizeitkultur entwickelte sich in den Städten. Museen, Theater, Film und Sport, das alles wurde im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts von einem großen Teil der Bevölkerung partizipierbar. Die Schulbildung der Kinder in den Städten verbesserte sich (Maase 2001: 12). Die Architektur der Weltausstellungen schuf ihre spektakulären Eisenmonumente, die auch im Alltag in Form des Kaufhauses und der Passagen erlebbar wurde (Geyer et. al. 2003: XVII). Uwe Spiekermann plädiert allerdings dafür, die Kaufhäuser in dem Prozess hin zur Konsumgesellschaft nicht überzubewerten. In stärkerem Maße war das kleine und mittelständische Gewerbe daran beteiligt. Spezialisierte Ladengeschäfte erlebten einen enormen Aufschwung ab der Mitte des 19. und vor allem seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Zwischen 1875 und 1914 erhöhte sich die Zahl der Betriebe um mehr als das Doppelte, die Zahl der Beschäftigten vervierfachte sich fast (Spiekermann 1999: 84).
Wenn nun nach dem Anfang der Konsum- oder Massengesellschaft gefragt wird, scheiden sich die Geister. Eine künstliche Zensur ist eine Periodisierung immer. Die Datierung der Anfänge der Massenkultur oder auch der Konsumgeschichte auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts stellt hier keine Ausnahme dar und gute Argumente sprechen ebenso für die Verschiebung der zeitlichen Grenzen nach vorne oder nach hinten. Kaspar Maase sieht, sehr vorsichtig argumentierend, das Kino als die erste moderne Massenkunst im strikten Sinne an und legt damit die endgültige Etablierung der Massenkultur mit dem Jahrzehnt vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges fest (Maase 1997: 20), weist aber immer auf die vielgestaltigen Vorläufer und der Durchsetzung der modernen „Massenkünste“ ab 186923 hin (Maase 2001: 18). Nach Hermann Bausinger spricht vieles dafür, die eigentlichen Entstehung der Massenkultur in Deutschland ab der Mitte des 20. Jahrhunderts festzulegen, mit der Standardisierung größter Teile der „Kulturwarenproduktion“ durch die Übernahme des in den 30er Jahren in Amerika mit dem Begriff des „Fordismus“ bezeichneten neuen industriellen Produktion (Bausinger 2001: 30). Allerdings erscheint auch Bausinger eine Perspektive auf die Mitte des 19. Jahrhunderts, in dessen Verlauf sich die Massenkultur dann langsam herausgebildet hat, doch ratsamer (Bausinger 2001: 31). Die Ware und der Warenmarkt sind für Hermann Bausinger die entscheidenden Impulse. „Massenkultur entsteht durch die Einbeziehung der Massen in den kulturellen Warenmarkt, der damit einer vorbehaltloseren Ökonomisierung unterworfen wird“ (Bausinger 2001: 31). England und Frankreich hatten hier eine deutliche Vorreiterrolle inne, was für das gesamte 19. Jahrhundert gilt. Das 18. Jahrhundert brachte die ersten Konsumgüter hervor, Güter also, die nicht mehr der Subsistenz sondern der Gesundheit und Hygiene, der Gestaltung der eigenen individuellen Lebenswelt, der Unterhaltung oder der Annehmlichkeiten dienten und dabei den Modevorstellungen unterlagen (Geyer et. al. 2003: XV). Doch erst mit den neuen technischen Produktionsmitteln ab der Mitte des 19. Jahrhunderts erreichten Konsumgüter eine wirklich breite Basis. Basis meint in diesem Zusammenhang immer urbane oder städtische Basis.24
Eine weitere wichtige Unterscheidung zu früheren Zeiten treffen Geyer und Helmuth, in dem sie „Die sucht nach dem Visuellen“ (Geyer et. al. 2003: XVI) zum Leitmotiv des 19. Jahrhunderts erklären, als „Ausdruck einer neuen Sehnsucht“ (Ebd.). Das Panorama war danach das erste optische Massenmedium. Tatsächlich spricht vieles dafür, die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg als die Zeit zu betrachten, in der die Grundstruktur populärer Massenunterhaltung ausgebildet wurde und in der ab dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Lebenswelten breiter Teile der Bevölkerung von einer tiefgreifenden Popularisierung erfasst wurden. Populäre Künste und Vergnügungen waren zu einem Teil der „Lebensführung“ geworden (Maase 2001: 18) und zwar für die Mehrheit der Bevölkerung wie auch für Bürgertum und Kleinbürgertum. Das Fremde war Teil der Ökonomisierung der Kulturwarenproduktion, es verkaufte sich gut.
4. Der mediale Raum und die ihn bildenden Medien
4.1 Medien und Wahrnehmung
Der mediale Raum ist die Schnittmenge gesellschaftlicher Diskussionen, die so relevant sind, dass sie eine Erörterung in der Öffentlichkeit bedürfen, bzw. von Interesse großer Teile der Bevölkerung sind. Die Medien spielen die Rolle des Vermittlers. Sie bündeln Meinungen, geben andere Meinungen wieder oder sind alleiniges Sprachrohr bestimmter Diskutanten. Medien können somit ganz unterschiedliche Formen annehmen. Pamphlete, Flugblätter, Verlautbarungen, Zeitschriften, Ansichtskarten, Bücher, Plakate, Werbung aber auch das gesprochene Wort in Form von Erzählungen, sowie die darstellenden Künste oder öffentliche Räume können als ein Medium bezeichnet werden. Damit wird in dieser Arbeit, in Anlehnung an Astrid Erll (2004: 3-22), Jochen Hörisch (2004) oder Werner Faulstich (2004), ein weit gefasster Medienbegriff vertreten. Neben den klassischen Medien wie Film oder Zeitung, mit denen sich die Medien- und Kommunikationswissenschaften schwerpunktmäßig beschäftigen, wird der mediale Raum auf die genannten Bereiche ausgeweitet. Im 19. Jahrhundert erlebte der mediale Raum einen großen Umwälzungsprozess. Die technischen Errungenschaften der Zeit prägten diesen Prozess. Alte, bekannte Medien unterlagen einem großen Wandel, neue Medien wurden etabliert. Der „technischen Revolution“ und ihrer Bedeutung für die sich herausbildende Medienkultur dieser Zeit wird insofern Rechnung getragen, als dass zwischen den technisch reproduzierten Medien und den „Menschmedien“ (Faulstich 2004: 27) unterscheiden werden soll. So werden Printmedien, Fotografie oder Telegrafie als primäre Medien aufgefasst, wogegen zum Beispiel Theater oder das gesprochene Wort und andere Medien, die keine technische Übertragung benötigen, als sekundäre Medien bezeichnet werden. Das direkte Erzählen verschwand zwar nicht aus dem medialen Raum des späten 19. Jahrhunderts, wurde jedoch zunehmend den Bedingungen der technischen Reproduktion unterworfen. Besonders deutlich wird dieser Schritt im Übergang vom Theater zum Film (vgl. Faulstich 2003: 219). Die Fixierung und Speicherung vormals flüchtiger Ereignisse kennzeichnet somit die technischen Medien. Allerdings muss betont werden, dass die verschiedenen Medien, ob „Menschmedium“ oder Printmedium, in einem Wechselverhältnis zueinander stehen, Gemeinsamkeiten aufweisen und komplexe Vorstellungen und Symbole erst durch ihre Verbindung zueinander erkennen lassen.
In ihrer Vermittlerrolle erfüllen Medien mehrere Funktionen. Nach Hörisch sind Medien zuerst einmal immer „Interaktionskoordinaten“ (Hörisch 2004: 66). Ein Medium vermittelt und bringt Sender und Empfänger zusammen und bietet dabei verschiedene Interpretationsmöglichkeiten der Wirklichkeit an. Medien sind zudem „Unwahrscheinlichkeits-verstärker“, so Hörisch (2004: 67) in Anlehnung an Niklas Luhmann. Das, was ohne mediale Vermittlung als unwahrscheinlich betrachtet wird, erscheint durch häufige Wiederholung in den Medien auf einmal als Selbstverständlichkeit, an der es nichts zu zweifeln gibt oder wie Hörisch sagt: „Wunder werden üblich“ (Hörisch 2004: 68). Ohne nun weiter in eine allgemein medienwissenschaftliche Auseinandersetzung einzusteigen, soll noch einmal auf die Bedeutung von Medien und der Verbreitung kollektiver Gedächtnisinhalte eingegangen werden. Der kulturwissenschaftliche Medienbegriff, wie ihn unter anderem Astrid Erll vertritt, stellt diese Perspektive in der Analyse von Medien in den Vordergrund (Erll 2004: 11). Kollektives Gedächtnis bedeutet hier: „Die Konstitution und Zirkulation von Wissen und Versionen einer gemeinsamen Vergangenheit in sozialen und kulturellen Kontexten werden erst durch Medien ermöglicht: durch mündliche Sprache, Buch, Fotografie und Internet etwa.“ (Erll 2004: 4).25 Die Imagination und Repräsentation des kulturell Fremden im medialen Raum ist eben auch ein Produkt kollektiver Gedächtnisinhalte. Der jeweilige soziale, historische und kulturelle Kontext einer Gesellschaft prägt dabei den medialen Inhalt und die mediale Form. Medien sind so nicht nur der Fundus oder Speicher kollektiver Gedächtnisinhalte, sondern produzieren diese Inhalte auch selber und besitzen damit eine „Wirklichkeit konstituierende Kraft“ (Erll 2004: 5). Dieser Konstruktionsprozess ist ein kreativer und selektiver, der sich vorrangig durch die jeweils zeitgenössischen Bedürfnisse und Vorstellungen einer Gesellschaft speist und damit einem starken Wandel unterlegen ist. „Abbilder eines vergangenen Geschehens bietet das kollektive Gedächtnis daher nicht“, so Erll (Erll 2004: 4). Im Gegenteil, Medien erzeugen für eine „Erinnerungsgemeinschaft“ Welten, die es ohne diese Medien nicht geben würde (Erll 2004: 6).
Die Medien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahmen ihre Gestalt durch einen gewaltigen technischen Fortschritt an und etablierten ihre ganz spezifischen kollektiven Vorstellungen über Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges. Das Symbol des kulturell Fremden, als ein Aspekt des kollektiven Gedächtnisses, wird in dieser Perspektive zu einem Symbol im medialen Raum, das zwar nicht neu erfunden, so doch, unter Rückbeziehung auf vorher etablierte Vorstellungen, nun anders konstruiert und vor allem anders erlebt wurde. Der Wandel und die Gestalt des medialen Raums soll daher Gegenstand des nächsten Abschnitts sein. Es findet eine Beschränkung auf Printmedien und visuellen Medien statt. Für die Repräsentation des kulturell Fremden im wilhelminischen Deutschland waren diese Medien von überragender Bedeutung.
4.2 Medien und populäre Kultur
4.2.1 Medien in der industriellen Reproduktion
Die technischen Erfindungen des 19. Jahrhunderts haben das Zeitalter der Massenmedien eingeläutet. Der kulturelle Wandel und der Blick auf das kulturell Fremde dieser Zeit kann nicht ohne die Darstellung des technischen Wandels erklärt werden. Die bereits thematisierten gesamtgesellschaftlichen und historischen Rahmenbedingungen sollen nicht marginalisiert werden, vielmehr sollen die Medien als ein wichtiger Teil des gesellschaftlichen und kulturellen Wandels begriffen werden. Im 19. Jahrhundert kam ihnen eine Rolle zu, die sie nur über die technischen Möglichkeiten zur massenhaften Reproduktion erfüllen konnten.
An dieser Stelle erscheint ein kurzer Exkurs in die Welt der Technik notwendig, um die massenhafte Vermarktung einfach und preiswert produzierter Printmedien und später auch der Fotografie für den schnellen und kurzlebigen Alltagsgebrauch großer Teile der Bevölkerung erklären zu können. Die Entwicklung der Drucktechnik im 19. Jahrhundert war die Grundvoraussetzung dafür. Noch bis ins 19. Jahrhundert hinein wurde vom Prinzip her mit dem Gutenbergschen Verfahren gedruckt und von Hand die Druckvorlagen gesetzt. Allerdings konnten auch schon im 17. Jahrhundert Fortschritte erzielt werden, so dass die Auflagen im Vergleich zu den Anfängen des Druckwesens deutlich gesteigert werden konnten (Welke 2000: 12). Bereits Anfang des 17. Jahrhunderts fanden die ersten Zeitungen im deutschsprachigen Raum ihre Leserschaft (Welke 2000: 11). Flugblätter und die sogenannten „neuen Zeitungen“ waren dabei die wichtigsten Nachrichtenmedien der Zeit, wobei die Auflagen wesentlich geringer waren als im 19. Jahrhundert. Um 1800 erreichte die „Hamburgsche Unpartheiische Correspondent“ als auflagenstärkste Zeitung der Welt, und dies war ein absolute Ausnahme, eine Auflage von 50.000 Exemplaren. Sie musste noch auf zwölf Handpressen gleichzeitig gedruckt werden (Stöber 2000: 113). Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurde mit der hölzernen Handpresse gedruckt. Nach Welke konnten mit einer einzigen Handpresse in 14-15 Stunden aber immerhin schon 4000 Zeitungen im Quart- oder Oktavformat26 hergestellt werden (Welke 2000: 22).
Erst im 19. Jahrhundert konnte die Gutenbergschen Drucktechnik überwunden werden. Rudolf Stöber spricht von einem „radikal neuen Druckprinzip“, der Schnellpresse (Stöber 2000: 114). Mit der ersten dampfbetriebenen Schnellpresse, die 1812 fertiggestellt und ab 1814 zum Druck der Londoner „The Times“ zum Einsatz kam, gelang die erste enorme Produktivitätssteigerung im Zeitungs- und Druckwesen (Fuchs 2000: 33), so dass zum einen die Auflagen auf täglich 6000-7000 Zeitungen gesteigert werden konnte und gleichzeitig weniger Arbeitskräfte zum Einsatz gebracht werden mussten. Die Produktionskosten konnten somit reduziert werden. Alle Proteste der Buchdrucker halfen nichts, die Schnellpresse wurde ab den 1840er Jahren in größerer Zahl angeschafft (Stöber 2000: 116), gefolgt von einer weiteren großen Innovation, der Rotationsmaschine. Die erste Buchdruckrotationsmaschine wurde in Deutschland 1873 hergestellt, es war die M.A.N.-Rotation (Fuchs 2000: 38). Diese Entwicklung kann als Meilenstein für das Druckwesen bezeichnet werden. Darüber hinaus konnten die Druckqualität und die Reproduktion von Abbildungen im Druck erheblich verbessert werden, was die Attraktivität der Erzeugnisse deutlich steigerte. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts konnte dann noch die Satztechnik maschinisiert (Fuchs 2000: 44)27 und vor allem Papier28 preiswert hergestellt werden, so dass mit der Kombination der neuen Techniken insgesamt hohe Auflagen kostengünstig erzielt werden konnten. Die Drucktechnik alleine hätte jedoch nicht die Printmedien zu einer Massenware werden lassen. Entscheidend war daneben die Erschließung neuer Absatzmärkte und auch die politischen Bedingungen in Form von geänderten Zensurbestimmungen. Die Entwicklung der Verkehrsmittel haben die überregionale Verbreitung der Druckerzeugnisse stark begünstigt, zudem konnten Nachrichten schneller übertragen werden. Mit Eisenbahn und Dampfschiff verkürzten sich die Zeitabstände zwischen Ereignis, Berichterstattung und Rezeption enorm. Dem Bedürfnis der Rezipienten nach aktuellen Informationen konnte damit Rechnung getragen werden. Die Anzahl der Zeitungen und ihre Auflagen nahmen im 19. Jahrhundert beträchtlich zu (Faulstich 2004: 28-29). Es wird hier zwischen einer Phase der Politisierung von 1830 bis in die 1860er Jahre und einer Phase der Ökonomisierung der Zeitungslandschaft von den 1870er Jahren bis zum Ende des Jahrhunderts unterschieden (Faulstich 2004: 31). Die Ausdifferenzierung unterschiedlicher Genres fand statt.
Ausschließlich die technische Entwicklung betrachtend, kann nicht erklärt werden warum bestimmte Printmedien so populär wurden und andere nicht. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts waren es vor allem die illustrierten Zeitschriften, die einem Bedürfnis nach unterhaltender Berichterstattungen nachkamen. Sie erreichten schnell Auflagen in Höhe von 100.000 Exemplaren und mehr. Die Besonderheit und der Reiz der von ihnen ausging, lag zum einen in der thematischen Auswahl der Artikel und zum anderen in der großen Menge an wiedergegebenen Pressebildern, insbesondere nach den 1870er Jahren. Die Familienzeitschriften, aber auch Illustrierte und Witzblätter gelten als Nachfolger der frühen Moralischen Wochenblätter und spiegeln nach Faulstich einen „ungeheuren Unterhaltungsboom“ der Zeit wieder (Faulstich 2004: 63). Die Gartenlaube und Daheim29 waren die erfolgreichsten Blätter dieser Art. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts waren es zwar noch keine oder nur sehr selten Fotografien, die in den Zeitschriften zum Einsatz gebracht werden konnten, dafür Illustrationen durch Kupferstich, Holzdruck oder anderer Verfahren. Diese Pressebilder zeichnen sich durch eine große Detailtreue aus, sie wurden meist nach fotografischen Aufnahmen gefertigt.
Hier klingt die Bedeutung der Fotografie als neues Medium im medialen Raum des wilhelminischen Deutschlands an. Mit der Fotografie und der Fonografie entstanden ab der Mitte des 19. Jahrhunderts Konkurrenzprodukte zu den Druckerzeugnissen der Zeit, wodurch nach Jochen Hörisch „der Druck seine mediale Monopolstellung“ verlor (Hörisch 2004: 172). Es kann mit Jürgen Wilke von einem regelrechten „Visualisierungsschub“ gesprochen werden, vor allem ab den beiden letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts (Wilke 2000: 306). Die Entwicklung der Fotografie begann mit der Camera Obscura („Dunkle Kammer“) und anderer Bemühungen, Bilder von der Wirklichkeit einzufangen und auf eine Projektionsfläche zu bannen. Mit der Daguerreotypie ab 183930 begann die Zeit der Fotografie. In den Anfangsjahren war die Technik noch wenig ausgereift und einer gesellschaftlichen Elite vorbehalten. Was sich allerdings schon bald ändern sollte. Von der Trockenplatte 1871, über die erste Rollfilm-Kamera 1888 bis hin zu Volks- und Schnappschusskameras, Reporterkameras ab 1900 reicht die Entwicklung der Fotografie jener Zeit, die ab den 1890er Jahren ein relativ preiswertes Vergnügen breiter Bevölkerungskreise darstellte (Faulstich 2004: 87). Durch die mit der neuen Technik einhergehenden kürzeren Belichtungszeiten und leichteren, besser zu tragenden und zu bedienenden Fotoapparaturen ab 1880 änderten sich die geschossenen Aufnahmen gewaltig (Prokop 2001: 209). Die Reisefotografie wurde jetzt erst in vollem Umfang möglich und sie ist in der Darstellung des kulturell Fremden in dieser Zeit von herausragender Bedeutung (Theye 1989: 25) und lässt einen Wandel erkennen, auf den noch einzugehen sein wird.
Alle medialen Verbesserungen und Erfindungen, sowie das urbane Leben selber, führten in dieser Zeit zu einer gesteigerten Geschwindigkeit der visuelle Wahrnehmung. Was die massenhaft reproduzierbaren Medien ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, vor allem aber ab den 1880er Jahren, für die urbane Bevölkerung zunächst bedeutete und bis heute relevant ist, bringt Jochen Hörisch auf den Punkt: „Die im Banne von Stimme und Schrift stehende frühe Mediengeschichte ist sinnzentriert. Die neuere Medientechnik fokussiert hingegen unsere Aufmerksamkeit immer stärker auf die Sinne.“ (Hörisch 2004: 14). Die mediale Inszenierung des kulturell Fremden war zwar keine Erfindung des 19. Jahrhunderts, wurde jedoch entscheidend von der im Wandel begriffenen Medienwelt geprägt. Es fand eine Fokussierung auf die Sinne statt, in einer Zeit, als breite Kreise der Gesellschaft zum erstmals in größerem Umfang medial mit dem Fremden in Kontakt traten.
4.2.2 Populäre Kultur – Konsum, Rezeption und Wahrnehmung
Die angesprochene Entwicklung führte zur Herausbildung einer Massenkultur, die sich nicht auf die angesprochenen Medien beschränken lässt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts befanden sich die europäischen Länder wie Frankreich oder England und etwas später gefolgt von Deutschland in einem großen kulturellen Umwälzungsprozess (Maase 2001: 9), der mit der Etablierung und im späten 19. Jahrhundert mit der endgültigen Durchsetzung der Massenkultur, oder um einen weniger stigmatisierten Begriff zu verwenden, mit der Populärkultur zusammenfiel und auf das Engste zusammenhing. Die mannigfaltigen Ausdrucksformen der populären Kultur um 1900 lassen sich nach Kaspar Maase, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, folgendermaßen benennen:
„Lieferungs- und Zeitungsromane, Groschenhefte, Familienblatterzählungen, Witzblatthumor, Sammlungen von Gedichten, Liedern, Couplets, Anekdoten für bestimmte Anlässe oder einfach Material für einen unterhaltsamen Abend; ‚klassische‘ Schlagermelodien aus Musikautomat und Grammophon, von
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