Vogelgrippe? Pest!
Das waren Zeiten.Die Straßen Menschenleer, nur hin und wieder ein paar vermummte in Leinen gehüllte Gestalten mit einem Karren, auf denen sich die Leichen stapelten. Auf dem Lande lagen die Felder brach, in den Kirchen versammelten sich die Elenden und beteten um Gnade. Das Kölner Pestkreuz, es ist stummer Zeuge der Schrecken jener Zeit.
Apokalyptische Zustände müssen es gewesen sein als die Schwarze Pest 1347 bis 1351 Europa heimsuchte. Wohl von der Krimm nahm der Schrecken seinen Anfang. Die auftretenden Sympthome der Krankheit, die oft innerhalb weniger Stunden zum Tod führte konnten furchteinflößender nicht sein. Bis heute hat sich diese Pestangst gehalten, tief eingegraben in die Überlieferungsstrukturen der Generationen erfährt früher oder später jeder etwas von der schwarzen Pest.
Ein grosser Teil des Horrorpotentials geht wohl darauf zurück, daß man sich unwillkürlich fragt: Was wäre wohl wenn solch eine Katatstrophe heute auftreten würde? Vielleicht ist ja die AIDS Problematik im Süden Afrikas vergleichbar, freilich sind die Ursachen hier nicht medizinisches Unvermögen, sondern die Ignoranz und die Verantwortunglosigkeit der reichen Länder und ihrer Pharmaproduzenten, neben allerlei hausgemachten politischen Durcheinander, versteht sich.
Die allgemeine Situation im Europa zur Mitte des 14Jahrhunderts ist als eine Zeit allgemeiner Aufbruchsstimmung zu kennzeichnen, geprägt aber auch von kleineren Scharmützeln und Massakern(wie im Mittelalter üblich): Karl IV von Luxemburg war 1346 in Rhens gewählt worden, um in Bonn zum König gekrönt zu werden. Günstigerweise starb schon 1347 Ludwig der Bayer einer der einflussreichsten politischen Gegner Karls VI, dem Luxemburger stand nun nichts mehr im Wege seinen Machtanspruch umfassend zu zementieren. 1348 wurde in Prag die erste Reichsuniversität nördlich der Alpen gegründet. Der Vatikan war wie üblich im Griff Babylons, konkret der "Babylonischen Gefangenschaft" in Avignon die von 1309-1377 währte, nach Babylon kommt das Schisma was letztlich eine noch stärkere Machteinschränkung bedeutete.
Von Seiten des Klerus war also ausser dem üblichen Gezänk nicht viel zu erwarten. Clemens VI saß so seit 1341 eher depremiert auf seinem Papstthron. Die wohl habendsten Länder jener Zeit waren Flandern und Italien - beides mächtige Handelsnationen. Dennoch war die Situation in Italien mehr als verworren [;)] - in zahlreiche rivalisierende Stadtstaaten aufgeteilt lieferten sich die regionalen Herrscher immer wieder blutige Scharmützel, im Süden konnte die geschwächte Anjou-Herrschaft den Bestrebungen Cola di Rienzos kaum noch etwas entgegenhalten. Auf geistiger Ebene war es eine Zeit des beginnenden Wandels, die bisher so sicher geglaubten intellektuellen Grundlagen des Mittelalters wurden vor allem in Frankreich und Italien zunehmend in Frage gestellt.
Insbesondere das Feudalrecht geriet in das Blickfeld der Kritik. Klerus und Bürgerschaften zweifelten an sich und an ihrern Zukunftsaussichten, was im Falle des Bürgertums nur eine Vorahnung der eigenen Inthronisierung gewesen sein kann. Spott und Hähme gossen die italienischen frühen Humanisten über die geistige Grundhaltung jener Zeit der Scholastik aus. Es war also 'Umbruch', eine Zeit neuer Ideen. So kam Manchem die Pest recht, konnte sie doch als Strafe Gottes für die Untriebe einiger Kritiker der mittelalterlichen Gesellschaften interpretiert werden.
{mospagebreak title=Asiatische Weiten}Vermutlich sind die Weiten des Asiatischen Kontinents der geographische {mosimage}Ausgangspunkt der schrecklichen Seuche. Was der Chronist Matteo Villani zu berichten weiß geisterte schon geraume Zeit durch die Hafenspe(ku)lunken des Mittelmeers: "In diesem Jahr begann sich im Osten, in China und Nordindien und weiteren Gebieten, die an die dortigen Küstenregionen grenzen, unter den Menschen jeden Alters und Geschlechts eine Pestseuche auzubreiten. Man fing an, Blut zu spucken, und der eine starb sofort, der andere nach zwei oder drei Tagen" Er schildert weiter wie die Pest "innerhalb eines Jahres ein Drittel des Erdteils, der Asien heißt" erfasst.
Natürlich hatten die normalen Zeitgenossen jener Zeit keinen Zugang zu geographischen Informationen, so blieben Gerüchte und Vermutungen, die die Ängste eher beflügelten. Wie auch immer, der Asiatische Raum mit China und Indien als Zentrum dürfte der Ausgangspunkt gewesen sein. Glaubt man zeitgenössischen Berichten erreichte die Pest im Frühjahr 1347 die Krim, und dort die Stadt Caffa (Feodosia), eine Handelsniederlassung der Genuesen. Nachdem die Pest tausende Tartaren hinwegraffte, wanderte Sie noch im selben Jahr weiter, gegen Ende des Jahres waren bereits alle Hafenstädte des östlichen Mittelmeerraumes betroffen. In Konstantinopel war auch die kaiserliche Familie nicht verschohnt geblieben, Kaiser Johannes Kantakuzenos berichtet:
"Die Krankheit war unbezwingbar, so daß weder eine bestimmte Lebensweise noch starke Körpersäfte gegen sie ankamen. Sie befiel nämlich jeden Körpertypus, ob schwach oder stark. Wer sich behandeln lassen konnte, starb ebenso wie die Allerärmsten. Diese Jahr zeigte auch keine Tendenzen, andere Seuchen zu entwickeln. Im Gegenteil, wer vorher an anderen Krankheiten litt, fürchtete jetzt nur noch diese. Die ärztliche Kunst konnte nichts ausrichten. Die Seuche zeigte dabei unterschiedliche Verlaufsformen. Manche starben noch am gleichenTag, an dem sie erkrankt waren, ja einige bereits nach einer Stunde. Wer aber zwei oder drei Tage überlebt hate, wurde zunächst von einem heftigen Fieber und, nachdem die Seuche den Kopf befallen hatte, von einer Sprachlähmung und Wahrnehmungstrübungen gegenüber allem, was um ihn herumm geschah, befallen, worauf eine tiefe Bewustlosigkiet folgte. Erwachte er und wollte reden, war ihm die Zunge gelähmt und das meiste, was er sagen wollte, unverständlich, da die Nerven im Nacken abgestorben waren. Und er starb dann sehr schnell"
{mospagebreak title=Xenopsylla Cheopis Roth}Die Krankheit wird durch den Pestbazillus Yersinia bzw. Pasteurella Pestis ausgelöst enddeckt wurde dieser von Alexandre Yersin 1894 in Hongkong. Träger dieses kleinen, gemeinen Lebewesens sind vor allem zivilisationsfolgende Nagetiere, hier insbesondere die Ratte, die durch den Biß des Pestflohs, Xenopsylla Cheopis Roth, infiziert werden.
1896 erreichte die Pest Bombay, wo Masanori Ogata und Paul-Louis Simond nachwiesen {1897}, dass der Biss des Rattenflohs den Erreger vom Tier auf den Menschen überträgt: Ein infektiöser Blutpropfen setzt sich in die Speiseröhre des infizierten Flohs, beim Biss löst sich dieser in einer Tasche, dem {mosimage}Proventrikel, befindliche Propfen und wird in die Blutbahn des Opfers "geschossen". Auch über offene Wunden sowie den Mund-Rachenraum kann eine Ansteckung erfolgen. Generell lassen sich also zwei Möglichkeiten ausmachen: Die über die Blutbahn und die über das Atemsystem. Nach Ablauf der drei bis sechstägigen Inkubationszeit kommt es zu Schwellungen der Lymphknoten die häufig aufplatzen und Eiter absondern. Die Einstichstelle ist mittlerweile nekrotisch. Jetzt folgt die entscheidende Abwehrschlacht: Entweder der Zustand bessert sich unter heftigen Fieberschüben, Kopfschmerzen, Schüttelfrost oder die Erreger brechen durch die Lymphbarriere in die Blutbahn. Die auf einen Durchbruch folgende Septikämie (Blutvergiftung) führt praktisch immer zum Tode, unter den damaligen Bedingungen erst recht. Kommt es nicht zu einer Blutvergiftung setzt ein lange währendes Krankheitsbild mit Pusteln, Halluzinationen und psychopathologischen Auffälligkeiten ein. Jederzeit kann es letztlich doch noch zum Tode kommen, auch ohne klare Symphtomatik. Bricht ein Abzess in der Lunge durch, ist fast immer der Tod die Folge.Freilich ist der Verlauf der Krankheit in der Regel weit weniger dramatisch als wir uns das mit unserer "Pesturangst" vorstellen. Bedacht werden muss aber, daß die Menschen der damaligen Zeit praktisch keine Chance hatten rein natur- wissenschaftliche Erklärungen zu finden, ausserdem wurde natürlich immer der sensationellste und erschreckendste Krankheitsverlauf weitererzählt. Im Prozess der mündlichen Überlieferung steigerte sich das Grauen ins Unermessliche, bis die Menschen schließlich Blut spuckend, und an allen Körperstellen 'aufplatzend' noch im Momente der Infektion wie vom Blitz (bzw.einer Strafe Gottes) getroffen in sich zusammenbrechen, und sterben. Die damals zur Verfügung stehenden Medien wie Zeichnungen und Anschläge in Kirchen etc. gaben den Vorkommnissen dann den schaurigen Anstrich, inclusive allerlei Aberglaubens rund um die damalige Geißel der Menschheit (Kölner Pestkreuz).
Namenloser Terror, grenzenlose Angst, also die ganze Panik-Palette, angesichts der schieren Quantität der Opferzahlen unter den Zeitgenossen nur allzu verständlich. Über Nacht fanden sich Kinder ohne Eltern, Eltern ohne Kinder, Hunde ohne Herren, Mägde ohne Knecht, Kühe ohne Bauern der Sie melken konnte und Fürsten ohne Leibeigene, wieder. Örtlich brachen langewährende gesellschaftliche und ökonomische damit kulturelle Strukturen in sich zusammen.(3) Diese kulturellen Folgen der Pest, wer hätte das gedacht, sind es auch die im Zentrum stehen werden.
Doch zunächst noch etwas zu den medizinischen Ursachen und zur Sympthomatik der Pest : Die Lymphzellen sind schlicht unfähig die Yersinien abzutöten und nehmen sie gar als Wirtszellen an. Die ovalen, gramnegativen unbeweglichen Stäbchenbazillen verstopfen die Kappilargefäße und verursachen so Blutungen und Ödeme im Gewebe, die an den entsprechenden Stellen auch auf Nervenzellen 'drücken', es entstehen unerträgliche Schmerzen. Das Finale ist dann die bereits erwähnte Blutvergiftung.
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